

Kolbrún ist 30 Jahre
Mit wenigen Worten lässt sich dieses wunderbare Pferd so beschreiben: Kolbrún fra Reykjavik, Isländer-Rappstute 30 Jahre, mit sehr menschenfreundlichem und fröhlichem Wesen. Ihre Abstammung: ihr Vater ist Sörli frá Sauðárkróki. Mag gerne: laufen! – je schneller, je besser. Mag überhaupt nicht: laute und grobe Menschen. Besonderheiten: Kolbrún versteht in hohem Maße die menschliche Sprache und manchmal hat man das Gefühl, sie kann auch Gedanken lesen.
Kennengelernt habe ich Kolbrun unter etwas mysteriösen Umständen vor etwa 23 Jahren. Es war die 10. Reitstunde meines Lebens und ich war jedes Mal froh, wenn ich es im Trab ohne das Gleichgewicht zu verlieren, wieder durch eine Ecke des Dressurviereckes geschafft hatte.
Ich kam auf den Hof, begrüßte den Chef, der sogleich einen prüfenden Blick auf die Reiteinteilung warf und meinte, dass mir leider ein falsches Pferd - Kolbrún - zugeteilt wurde, und fragte mich, welches ich stattdessen gerne hätte. Ich hielt eine Änderung nicht für nötig, da ich gerne verschiedene Pferde kennenlernen wollte. Also holte ich Kolbrún aus dem Stall und putzte sie. Die Tragweite der Frage eines kleinen Mädchens, das vorbeikam und wissen wollte, warum ich das Pferd putzte – sie ging nicht davon aus, dass ich die Absicht hatte ausgerechnet dieses Pferd zu reiten –, sollte mir erst viel später bewusst werden.
Die Reitstunde verlief ohne Probleme. Aufgefallen ist mir nur dass das Pferd im Vergleich zu den vorigen sehr fein und mühelos zu reiten war. Von diesem Tag an war Kolbrún „mein“ Pferd. Ich durfte sie, sooft ich wollte reiten und machte von diesem Privileg oft und gerne Gebrauch.
Schon bald kam ich auch dahinter, was mit diesem Pferd „nicht stimmte“. Nur wenige Mädchen am Hof – die weit besser reiten konnten als ich - wollten sich damals auf diese „vierbeinige Bombe“ setzen, die einmal losgelassen, im rasenden Galopp nicht mehr zu stoppen war. Warum sie mich, der ich damals faktisch nicht reiten konnte, weitgehend geschont hatte, konnte ich nie herausfinden. Es war wohl so etwas wie gegenseitige Zuneigung. Während eines Sommers hatte ich auf Kolbrún das Tölten erlernt und mich auf zahlreichen langen Ausritten auch an ihren eruptive Persönlichkeit gewöhnt - in dem Maße wie ich sicherer im Sattel wurde, hat sie auch ihre anfängliche, besondere Rücksichtnahme mir gegenüber nach und nach reduziert. Und schließlich hatten wir beide gemeinsam Spaß daran, im flotten Tempo durch den Wald zu reiten. Ich hätte mir Kolbrún damals gekauft, wäre sie um einen erschwinglichen Preis zu haben gewesen.
Aber sie war leider unverkäuflich. Sie ist bald auf einen anderen Hof gekommen und wir haben uns für mehrere Jahre aus den Augen verloren. Erst als sie 13 Jahre alt war, erfuhr ich durch Zufall, dass sie unerwartet zum Verkauf stand und bald kam Kolbrún in meinen Besitz. Sie war mehrere Monate nicht geritten worden und entsprechend sorgfältig wurde sie wieder auf's Reiten vorbereitet. Die Hoffnung, sie wäre mit 13 vielleicht schon etwas ruhiger geworden, erfüllte sich nicht – sie war übermütiger als je zuvor. Zum Glück war das zur Verfügung stehende Reitgelände äußerst weitläufig und bot kilometerlange Wege entlang einem Flußufer, wo ich ihrem Bewegungsdrang freien Lauf lassen konnte. Tatsächlich kam sie nach und nach so weit ins Gleichgewicht, dass man mit ihr in kleinen Gruppen auch gemütlichere Ausritte unternehmen konnte. Als sie wenig später trächtig war, nahm ich sie auch oft als Handpferd mit. Es waren unvergessliche Ausritte auf Fannar mit Kolbrún an der Hand, im Galopp über endlose Feldwege. 1995 wurde Kolbrúns Tochter Kátina-Brünnhilde geboren - in ihrem Wesen und mit den großen tiefschwarzen Augen ihrer Mutter nicht unähnlich.
Kolbrun‘s Bestreben, alle Pferde vor Ihr unter allen Umständen zu überholen, hat es ihr weitgehend erspart, in der Ovalbahn um Pokale und Schleifen kämpfen zu müssen. Ovalbahnen haben ja die merkwürdige Eigenschaft, dass Pferde, die man einmal überholt hat, bald wieder vor einem auftauchen – so war Kolbrún Zeit ihres Lebens abseits des Turniergeschehens das ideale Pferd für erholsame Ausritte.
Ein entscheidendes Ereignis in Kolbrún's Leben war der Umstand, dass sich ihr Besitzer vor etwa 10 Jahren der klassischen Dressur zuwandte, begann Barockpferde zu reiten und plötzlich neue Anforderungen an Losgelassenheit und Geschmeidigkeit gestellt wurden. Sie wurde mit 23 Jahren nach den Grundsätzen der klassischen Reitkunst noch einmal von Grund auf neu ausgebildet. Etwa 2 Jahre später war sie nicht mehr wieder zu erkennen. War sie zuvor mit starker Trabtendenz und viel Anlehnung an der Hand getöltet, so war sie nun in jedem Tempo mit leichtester Hand taktklar zu tölten. Bei dieser Gelegenheit ist sie auch ihren flachen und harten Töltsattel los geworden, der durch einen modernen, gut passenden und bequemen Dressursattel ersetzt wurde, der einiges zu ihrer Zufriedenheit beigetragen hat. Mittlerweile schon 25 Jahre alt, hatte sie eine Eigenschaft noch immer nicht abgelegt: ihren scheinbar endlosen Bewegungsdrang und die Freude an einem flotten Galopp. Bei allem Übermut war sie aber trotzdem immer sicher zu reiten und so können wir auf unfallfreie 23 Jahre zurückblicken. Kleine „Zwischenfälle“ gab es freilich, so etwa bei einem missglückten Versuch, sie aus hohem Tempo an einer steilen Böschung zu stoppen – sie ist einfach den steilen Hang hoch galoppiert und wir fanden uns gleich einem antiken Reiterstandbild in schwindelerregender Höhe wieder. Der steile Abstieg war dann umständlich und langwierig…
Kolbrún erfreut sich heute mit ihren gut 30 Jahren bester Gesundheit. Geritten wird sie nun nicht mehr – ihre Tochter Kátina hat die Nachfolge ihrer Mutter als Reitpferd angetreten – und so kann Kolbrún ihren Ruhestand mit ihrer kleinen Herde, der sie seit Jahren als Anführerin vorsteht, auf unseren großen Weiden genießen – und das hoffentlich noch einige Jahre!
S.P.
