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Von Judith Pirnik

Reiter/innen, die einhändig Galopppirouretten reiten, ebenso fliegende Wechsel, deren Pferde piaffieren, passagieren und sogar Croupaden springen und dabei Freude, Stolz und Leichtigkeit ausstrahlen? Und diese Reiter/Pferde sind nicht Turniercracks, sondern ganz normale Wald und Wiesenreiter mit ganznormalen Pferden? Ja, gibt’s denn so was?

JA! Das sind Freizeitreiter/innen, die die Jahrhunderte alte Reitkunst der alten Reitmeister für sich und ihre Pferde wiederentdeckt haben, ihr in ihrer Reitfreizeit frönen und sie dadurch wiederbeleben, so wie es uns ein Bent Branderup vorlebt. Doch, was macht das für einen Sinn für einen Freizeitreiter derart zureiten, wozu soll das gut sein und was steckt hinter dieser klassischen Art des Reitens? Machen wir dazu zunächst einen Blick in die Vergangenheit!

Die klassische Reiterei ist verwurzelt in den Lehren großer Reitmeister verschiedener Epochen (Xenophon, Guerinière, Pluviniel, Steinbrecht, Branderup). Zur damaligen Zeit, 17. Jahrhundert, war das Reiten ein Privileg der Reichen undMächtigen, denn nur sie konnten sich ein Pferd, sowie die Ausbildung von Pferd und Reiter durch einen angestellten Reitmeister, leisten. Eine präzise Ausbildung und absolute Harmonie zwischen Pferd und Reiter war damals oberstes Gebot, denn es hing im wahrsten Sinn des Wortes, das Leben davon ab. Damals ritt noch der König als Vorderster seinem Heer voran in die Schlacht und kämpfte dort, wobei ihm ja nur eine Hand zur Zügelführung blieb! Eine schlechte Ausbildung von Pferd oder Reiter, Disharmonie zwischen Pferd und Reiter hätten unweigerlich den Tod bedeutet. Und ein Kriegspferd, ins besonders das des Königs, war ausgesprochen wertvoll und beinahe unersetzlich, weshalb man auch im Umgang, Haltung und Pflege nur das Beste angedeihen ließ. Wie sonst ist es zu erklären, dass Alexander der Große mit seinem Hengst Bukephalos bis nach Indien ritt, „Streiff “, Kriegspferd von König Gustav Adolf von Schweden 35 Jahre und „Conde“, Leibreitpferd von Friedrich dem Großen, 38 Jahre alt wurden? Vor mehreren hundert Jahren, wo es keine Superzucht, Spezialtierärzte, Futter und Hightechausrüstung gab! Damals ließ man sich viele, viele Jahre Zeit mit der Ausbildung von Pferd und Reiter, die auch die Lektionen der heutigen hohen Schule umfasste, denn Courbetten, Levaden und Terre à Terre brauchte man ja für den Kampf. Ziel dieser Ausbildung war ein feines, schnell reagierendes, mit einer Zügelhand zu führendes, stets (auch im dichtesten Kriegsgetümmel!) an den Hilfen stehendes, verlässliches Reitpferd und ein Reiter, der mit so einem Pferd umzugehen konnte und es auch wert zu schätzen wusste. Denn die Auslese am Schlachtfeld war gnadenlos: waren Pferd und/oder Reiter nicht gut genug, überlebten sie nicht. Später, als die Fürsten sich in ihre Burgen zurückzogen, sich die Kriegsführung änderte und man nicht mehr des Kampfes oder um von A nach B zu kommen reiten „musste“, sondern zu seinem Vergnügen reiten „durfte“, wurde das Reiten zur Kunst – es wurde nämlich seinem eigentlichen Zweck enthoben! Trotzdem, obwohl man keine Levaden, Courbetten und Terre à Terre mehr für den Kampf brauchte, blieben sie Teil der Ausbildung. Außerdem legte man nach wie vor Wert auf leichtrittige, mit einer Zügelhand zu führende Pferde. Nun jedoch wurde das Wissen in sogenannten „Reitakademien“, wo meist ein Reitmeister unterrichtete, weiter gegeben und so einer schon etwas breiteren, jedochnoch immer elitären, männlichen Bevölkerungsschicht mündlich weitergegeben. Neben dem Reiten wurde auch Fechten, Tanzen, die feinen Künste und Wissenschaften unterrichtet.

So wurde das Reiten Ausdruck des Adels, Wohlstandes und der feinen Lebensart – man „durfte“ reiten, man musste nicht mehr! Auch wir Reiter von heute, im Besonderen die Freizeitreiter, sind heutzutage in der glücklichen Lage reiten zu dürfen, nicht zu müssen! Außerdem besitzen wir heute durchschnittlich eine wesentlich bessere, höhere Ausbildung als einst, wodurch es uns möglich wird, jederzeit uns Wissen, das Pferd betreffend wie Biomechanik, Anatomie, Physio- und Pathologie, Fütterung, Haltung, Wirkung von Gebissen etc., anzueignen – es liegt nur an uns! Weshalb wir uns mehr um eine solide, zeitintensive, weil langsame Grundausbildung von Pferd und Reiter bemühen können und sollten. Selbstverständlich ist auch heute ein fein rittiges, an den Hilfen stehendes Pferd gefragt, doch als „Lebensversicherung im Kriegsfall“ würden heutzutage, so meine ich, wenige bis kaum ein Pferd in Frage kommen. Viel zu sehr werden junge Pferde und junge Reiter im Schnellverfahren „sattel und geländesicher“ gemacht und Pferde zum Sport und Freizeitgerät degradiert. Mit der Folge, dass das Durchschnittsalter eines Reitpferdes 7 Jahre (!) und die durchschnittliche Lebenserwartung eines Pferdes sogar nur 13 Jahre beträgt!

Die klassische Reitkunst besinnt sich deshalb aufs Wesentliche: nämlich, dass wir ein Pferd reiten dürfen, denn es ist von Natur aus nicht dazu geschaffen, uns auf seinem Rücken zu tragen! Dafür allein verdient es unsere höchste Wertschätzung und Respekt; Deshalbsind auch die Lektionen dazu da, um den Körper zu schulen und zu kräftigen, um uns, ohne selbst körperlich Schaden zu nehmen, überhaupt tragen zu können! Das Erlernen und Umsetzen der Lektionen fordert Geist und Körper des Pferdes, weshalb man ihm die Zeitlässt, die jedes Pferd individuell braucht, um zu verstehen, auszuführen und langsam die Muskeln aufzubauen und zu schulen. Während dieser Zeit lernt der Reiter, sich seinem Pferd verständlich mitzuteilen, seinen eigenen Körper, aber auch seinen Geist und seine Gefühle zu beherrschen und zu erfühlen, was sein Pferd gerade unter ihm tut. Dieser Weg wird partnerschaftlich und gemeinsam gegangen, wodurch am Ende Harmonie entsteht und schließlich „zwei Körper können, was ein Geist will!“ (Zitat Bent Branderup) – einhändig!

Darum geht die klassische Reitkunst anders an die Ausbildung heran: Zunächst wird dem Pferd an der Hand mittels Kappzaum das vorwärtsabwärts Dehnen, später in Kombination in Biegung auf dem Zirkel, erklärt. Durch dieses Abwärts Dehnen wölbt das Pferd den Rücken auf, die Rückenmuskeln werden gedehnt, die Bauchmuskeln verkürzt – man trainiert quasi einen Waschbrettbauchan. Sinn ist, das die gestärkten Bauchmuskeln nicht nur leichter das gesamte Gewicht der Innereien tragen, sondern auch schadlos das Gewicht des Reiters, wenn wir aufsteigen. Die Dornfortsätze der Wirbelsäule nehmen einen weiteren Abstand zueinander ein, als wenn das Pferd den Rücken nach unten durchhängen lässt. Das Vorwärts Abwärts fördert auch die psychische Losgelassenheit des Pferdes und wird erst dann möglich, wenn das junge Pferd vertrauensvoll denn übergibt in dem Moment seinem Ausbilder die Verantwortung für sich selbst, vertraut ihm, dass ihm nichts geschieht – den Kopf senkt. Darum ist das Vorwärts Abwärts beim klassischen Reiten stets ein Geschenk des Pferdes an seinen Ausbilder – ein Geschenk des Vertrauens und des Respekts! Das darf niemals vergessen werden! Dies erklärt auch, wieso das Vorwärts Abwärts heute oft so schwer, meist nur unter Einsatz von irgendwelchen „Hilfszügeln“ zu erreichen ist, und sobald der äußere Zwang weg ist, das Kopfhoch wieder da ist – es an Vertrauen.

Das klassisch auszubildende Pferd wird zunächst nur im Schritt und um Trabgefördert, später auch die verschiedenen Seitengänge. Früher ritt man die Seitengänge sogar auf 4 Hufschlägen, um eine höhere Biegsamkeit zu erreichen. Heute reitet man sie auf 3, um zu gewährleisten, dass das Pferd zu seinem Schwerpunkt und nicht dabei vorbei – tritt. Beherrschte das Pferd die Seitengänge im Trabwurde die Piaffe daraus entwickelt, um die Tragkraft zu fördern. Auch hier sieht man, dass die Dressur fürs Pferd da ist und nicht umgekehrt und nicht dazu dient, um „Show“ zu machen! Mit ein wenig Schubkraft zusammen ergibt sich daraus die Passage – immer noch mit aufgewölbten Rücken!

 

Erst, wenn ein Pferd in perfekter Selbsthaltung piaffieren konnte, dann beginnt man mit der Galopparbeit. Warum? Weil, so besagt eine Regel des alten Reitmeisters de la Guérinière ́: „ . . . , dass man niemals ein Pferd in Galopp setzen muss, bis es durch den Trab so gelenksam geworden ist, dass es sich von selbst, ohne in die Hand zu drücken oder zu ziehen, zum Galopp zeigt: man muss demnach warten, bis sein ganzer Körper biegsam ist, bis es in der Schule Schulter einwärts seine Schenkel zirkelförmig zu bewegen gelernt hat, bis es der Schule (Lektion)Kruppe an der Mauer den Schenkeln folgt, und bis es durch den stolzen Schritt(Piaffe) an den Pilaren leicht geworden ist.“

Die Piaffe ist in der klassischen Reitkunst auch Grundlage der „Schulen über der Erde“ und den Schulsprüngen. Doch wie soll das mit dem Freizeitreiten zusammenpassen?

Ganz einfach: Die klassische Reiterei war und ist, dass dürfen wir nicht vergessen, ein Gebrauchsreiterei d. h. die einzelnen Lektionen dienen nicht der „Schönheit“, wie es uns gerne auf diversen Dressurturnieren vorgegaukelt wird, sondern einem Zweck z. B. Kühe/Stiere zu treiben (Spanien, Portugal) und früher dem berittenen Nahkampf. Auch wir Freizeitreiter wollen ein verlässliches Gebrauchspferd, wenn auch nicht mehr für den Nahkampf und gerade deshalb ist die klassische Ausbildung so bedeutend für uns!

Wie einfach ist, es doch mit einem feinrittigen, einhändig gerittenen Pferd ein Tor vom Pferd aus zu öffnen oder zu schließen? Wie schön ist es, die Galoppstrecke nicht wegen eines 90 Grad Winkels zu unterbrechen, sondern das Pferd stark zurückzunehmen, eine Galopppirourette, gegeben falls noch einen fliegenden Wechsel zu reiten und einfach weiter zu galoppieren? Und wie viel Freude macht es dem Reiter ein solches Pferd zu reiten und selbst ausgebildet zu haben? Nicht zu vergessen: wie viel sicherer ist es, ein solches Pferd zu reiten! Und das Schöne daran: Wir können uns alle Zeit der Welt lassen, selbst ein solches Pferd auszubilden! Als Freizeitreiter brauchen wir keine Pokale gewinnen und es muss die Piaffe, mithilfe welcher „Mittel“ auch immer, nicht bis zum nächsten Wochenende „sitzen“. Ein klassischer Freizeitreiter hingegen wird oft, da er ja größtenteils selbständig mit seinem Pferd arbeitet, Wissen sammeln: über Anatomie, Theorie der einzelnen Lektionen, Hintergründe der Gangarten, Hufe, Sättel, Zäumungen, welche Rolle Hufe, Sättel, Zäumungen und Zähne spielen können und nachlesen wie die alten Reitmeister vielleicht genau das Problem, das er gerade hat, gelöst haben. Sein Pferd wird Mittelpunkt seines Denkens – viel weiter hinaus, als über den „Spaßfaktor“. Er wird sich Gedankendarüber machen, wie er die Ausbildung seines Pferdes aufbaut, welchen Schritter nacheinander setzt, damit es für das Pferd verständlich ist, er wird hinterfragen, wenn es nicht klappt: warum und wieso. Hat es mich nicht verstanden, kann es die Bewegung nicht ausführen, passt der Sattel nicht – warum verweigert das Pferd sich mir?  und nicht: „ was der depperter Gaul heute wieder hat!“ Und so wird der Reiter ein Horchender, der mit zunehmendem Ausbildungsweg genauso feinfühliger wird wie sein Pferd, da beide lernen sich zuzuhören. Und in dem Maße wie der Reiter sich verändert wird auch dessen Pferd sich ändern: es wird feiner, sensibler, selbstbewusster und gewinnt Glanz und Ausstrahlung (wieder zurück). Plötzlich macht Arbeit wieder Spaß, da es als gleichwertiger Partner und nicht als untertäniger Knecht behandelt wird. Sichtbare Harmonie stellt sich ein und „ zwei Körper können, was ein Geistwill!“ (Zitat: Bent Branderup) – ein wunderschöner, sinnvoller (Ausbildungs)Weg – für jeden Reiter!

 

Die Autorin

Judith Pirnik betreibt mit Ihrem Mann zusammen eine 5ha große Landwirtschaft, wo sie mit ihren 5 Pferden leben.Ihre beiden Pferde Náttdis frá Vogum, eine 5gängige Islandstute, und Mister Moritz hat sie nach denGrundlagen der akademischen Reitkunst selbst ausgebildet und nimmt regelmäßig an den Kursen mit Sabine Oettel und Bent Branderup teil.

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