Von Stefan Pirnik

Silage als Pferdefutter

Die Verwendung von Silage als Pferdefutter wird vielfach und sehr kontroversiell diskutiert. Leider werden dabei sehr oft wichtige und nachweisliche Faktenaußer Acht gelassen, weil sie häufig einfach nicht bekannt sind. Die Gründe für die Fütterung von Silage sind dabei sehr unterschiedlich und reichen von der Staubfreiheit, die für Allergiker von Vorteil sein kann bis hin zu wirtschaftlichen Gründen, wie  vermeintlich  einfacherer Herstellung oder einfacherer Lagerung als bei Heu. Tatsächlich ist die Herstellung pferdegeeigneter Silage eine sehr aufwändige und anspuchsvolle Arbeit.

Die Fütterung des Pferdes sollte sich immer an den Bedarfswerten hinsichtlich Energie, Eiweiß und Rohfaser orientieren. Da gibt es schon einmal abhängig von Pferderasse und Alter, bei Stuten in der Trächtigkeit und in der Laktation sehr große individuelle Unterschiede. Wenn wir die Bedarfswerte ungefähr kennen, können wir diese Bedarfswerte selbstverständlich auch unter Einbeziehung von Silage abdecken und so eine bedarfsgerechte Futterration bereitstellen. Dass die alleinige Fütterung von Silage dem Bedarf eines Pferdes entspricht, ist dabei relativ unwahrscheinlich, man wird diese jedoch, wenn andere Vorteile starküberwiegen, bewusst in Kauf nehmen. Der vorliegende Artikel soll kein Ratgeber für oder gegen die Silage-Fütterung von Pferden sein, sondern einige wissenschaftliche Fakten zu diesem Thema liefern.

Botulismus

Eine Gefahr, die im Zusammenhang mit der Verfütterung von Silage an Pferde oft erwähnt wird, ist der Botulismus. Botulismus ist eine Erkrankung, die sich vorrangig durch schwere Lähmungserscheinung äußert. Da bereits sehr geringe Mengen des Giftes (100g verdorbenes Futter) für eine Erkrankung ausreichen, erkranken oft ganze Bestände, die von einer befallenen Futterration gefressen haben, an Botulismus. Die Todesrate liegt dabei auch bei klinischer Intensivbehandlung bei 70 bis 90%. Verursacht wird der Botulismus durch Botulinumtoxine, welche vom Bakterium Clostridium Botulinum produziert wird. Es wird angenommen, dass die häufigste Ursache für die Entstehung von Botulinumtoxinen die Kontamination des Futters mit Erde oder Kadavern von Mäusen, Hasen oder dergleichen ist. Bei der Silageherstellung entsteht ein sauerstoffarmes Millieu, welches die Vermehrung der Clostidien besonders fördert. Dagegen bewirkt der rasche Abfall des pH-Wertes in der Silage eine Hemmung des Clostridien-Wachstums.

Krankheitsverlauf

Auf anfängliche Schluckbeschwerden folgen immer stärker werdende Lähmungen am ganzen Körper, die es den Pferden schließlich unmöglich machtaufzustehen oder zu fressen. Der Tod tritt schließlich durch Atemlähmung ein.Ein Therapieversuch ist sehr aufwändig und dauert etwa 50 Tage. Theoretisch könnte man in einem sehr frühen Stadium ein Antiserum spritzen, wobei das Zeitfenster dafür sehr kurz und das Serum schwer verfügbar und sehr teuer ist.

Reelles Gefahrenpotential

Das tatsächliche Gefährdungspotential durch verdorbene Silage wird von Stallbetreibern und Pferdebesitzern durchwegs sehr unterschiedlich beurteilt. Eine objektivere Darstellung geben da schon die Zahlen, die die Tierkliniken nennen. Da die Krankheit nicht ansteckend und daher auch nicht meldepflichtig ist, gibt es keine offizielle Statistiken. An der veterinärmedizinischen Universität in Wien wurden seit 1997 etwa 40 Pferde mit Botulismus behandelt [5]. Es kann angenommen werden, dass die Zahl der tatsächlichen Erkrankungen bedeutend höher liegt und wegen des meist dramatischen Krankheitsverlaufes nur die wenigsten erkrankten Pferde überhaupt in die Klinik nach Wien kommen. Die Autorin eines Artikels über Botulismus bei Pferden im Kavallo [4] hat versucht für Deutschland eine näherungsweise Abschätzung des Anteils der Todesfälle durch Botulismus an den gesamten Todesfällen aufzustellen, wobei sie von einer Dunkelziffer von Faktor 10 ausgegangen ist. Als Ergebnis schätzte sie, dass etwa1% der Todesfälle insgesamt auf Botulismus zurückzuführen sind. Wenn man nun noch annimmt, dass vielleicht etwa nur ein Drittel aller Pferde mit Silage gefüttert werden, würde das bedeuten, dass immerhin etwa 3% aller Todesfälle der silagegefütterten Pferde auf Botulismus zurückzuführen wären. Andersausgedrückt: eines von dreißig silagegefütterten Pferden würde an Botulismus sterben. Die Berechnung ist wie gesagt sehr unsicher, da außer der Zahl der Botulismus-Fälle an den Kliniken keinerlei Zahlenmaterial vorliegt und auch die sichere Diagnose von Botulismus, auch bei schon verendeten Pferden, sehr schwierig ist und auch kaum Obduktionen durchgeführt werden.

Fakt ist, dass die Erkrankungszahlen eindeutig mit der steigenden Menge an verfütterter Silage in den letzten Jahren korrelieren. Bei der Herstellung der Silage kann jedoch durch gewissenhafte Arbeit die Gefahr der Einbringung von Clostridien in die Silage stark reduziert werden.

Aufhorchen lassen die Pressemeldungen, die im Sommer 2011 aus Schleswig-Holstein eingelangt sind. Dort vermutet man, dass in einigen Landkreisen bis— 54 —zu 90% (!) der Rinder an Botulismus leiden. In einem Landkreis mussten etwa850 an Botulismus erkrankte Rinder getötet werden. Sogar einige Landwirte erkrankten dort schon an Botulismus.

Solche Meldungen lassen vermuten, dass Botulismus ein immer größeres Problem in der Großtierhaltung darstellt, was sehr wahrscheinlich auf die hohe Konzentration von Tieren und die zunehmende Rationalisierung bei der Futtergewinnung zurückzuführen ist. Diese These wird weiter unten durch einige Zahlen aus wissenschaftlichen Studien untermauert werden.

Unterschied Pferd – Rind

Wenn oft behauptet wird, dass die Kühe ja auch Silage fressen und hier keine Botulismus-Fälle bekannt sind, so muss man hier einerseits entgegenhalten, dass es sehr wohl Botulismus-Fälle bei Rindern gibt und andererseits die Rinder einen völlig anderen Verdauungstrakt als Pferde besitzen. Rinder haben vier Mägen, wobei der pH-Wert im letzten Magen bis auf 3,0 abfällt, im Pferdemagen herrscht etwa ein pHWert von 5,6 bis 5,9, also für die Vermehrung von Clostridien um ein Vielfaches günstiger.

Heulage

Unter Heulage versteht man eine Silage, die aus stärker getrocknetem Grünfutter hergestellt wird. Sie ist dadurch weniger stark vergoren und ähnelt eher Heu mit einem aromatischen Geruch. Hinsichtlich der Gefahr einer Clostridien-Besiedlung sind hier die Verhältnisse jedoch prinzipiell ungünstiger als bei stärker vergorener Silage, da der Abfall des pH-Wertes aufgrund der geringeren Gärungsaktivität nicht so signifikant ausfällt und damit auch die Hemmung der Clostridien-Vermehrung nicht so effektiv ist. Ein weit Verbreiteter Irrtum ist die Annahme, dass die Clostridien im Zuge des Gärungsprozesses entstehen würden – genau das Gegenteil ist der Fall: eine ausreichende Gärung ist der sicherste Schutz gegen Clostridien.

Heu

Auch im Heu oder Stroh können sich – entgegen weit verbreiteter Meinung– Clostridien in gefährlicher Konzentration ansiedeln. Weil jedoch der Sauerstoffgehalt im losen Heu vergleichsweise hoch ist, ist auch die Gefahr der Vermehrung der Clostridien stark reduziert, die Gefahr steigt jedoch mit stärkerer Verdichtung des Heus entsprechend an. Da das Heu bei der Herstellung auf einen sehr geringen Feuchtigkeitsgehalt von etwa 15% herunter getrocknet wird, fallen beim Kreiseln größere Erdpartikel und Tierkadaver überwiegend heraus und werden so nicht mit eingebracht. Bei der feuchteren Silage haftet die Erde noch gut am Gras und landet schließlich im Ballen.

Unterschiede bei der Herstellung von Heu und Silage

Die Herstellung von Heu ist relativ aufwändig und stark abhängig vom Wetter und der Beschaffenheit des Futters. Es ist im Durchschnitt ein Zeitraum von2 bis 3 Sonnentagen erforderlich, um die Restfeuchte ausreichend zu reduzieren (ca. 15%) um daraus Kleinballen pressen zu können. Bei Großballen lieg tdie Zeit etwas höher, da die restliche Feuchtigkeit hier schwerer nach außenkann. Bei ungünstigen Wetterbedingungen ist auch der Totalverlust der gesamten Heuernte möglich. Auch wenn es möglich ist, das nasse Futter nach einem Regen wieder zu trocknen, ist mit erheblichen Qualitätseinbußen hinsichtlich Nährstoffgehalt und Schimmelbefall zu rechen.

Bei der Silage hingegen benötigt man für die Herstellung etwa 1 bis 2 Tage, DasFutter wird in der Früh gemäht und an warmen Tagen können dann oft schon am Abend die Ballen gepresst und in Folie gewickelt werden. Ein unvorhergesehener Regenguss mindert zwar auch hier die Qualität, jedoch nicht in dem Maße wie beim Heu.

Was die Sauberkeit betrifft, gibt es bei der Herstellung von Heu und Silage keine Unterschiede.

Das Futter sollte nicht zu tief, in etwa 7 bis 8cm Höhe gemäht werden um Verschmutzungen durch Erde zu reduzieren. Das Abschleppen der Wiese im Frühjahr mit einer Wiesenegge sollte jedes Jahr erfolgen und minder den Eintrag von Erde ins Futter erheblich.

Wichtig ist auch die exakte Einstellung von Heuwender und Schwader. Abgesehen von der korrekten Höheneinstellung am Traktor ist es sehr wichtig, dass die Zinken der Maschinen alle exakt auf die gleiche Höhe justiert sind. Bereits eine einzelne zu tiefe Zinke kann große Mengen an Erde ins Futter befördern. Auch wenn etwas Bodenfeuchte bei der Silage-Herstellung grundsätzlich nichtstört, muss berücksichtigt werden, dass die Maschinen beim feuchten Bodenleicht die Grasnarbe zerstören und die Erde freilegen können. Das einleitende Foto sei hier ein Negativ-Beispiel wie die Wiese nach der Heu oder Silage-Herstellung nicht aussehen sollte.

Beim Pressen von Heulage-Ballen ist weiters zu beachten, dass der Pressdruckausreichend hoch ist, um die Luft aus den Stängeln des relativ trockenen Futters  das eventuell noch überständig ist  herauszupressen, da ansonsten der Gärungsprozess nur unzureichend in Gang kommt.

Der Clostridien-Kreislauf

Wenig beachtet wurde bislang auch der Umstand, dass die Clostridiensporen aus dem Kot auch wieder auf die Wiese gelangen und somit bereits frisches Grasstark erhöhte Clostridiengehalte aufweisen kann. Aus der Viehhaltung gibt es hierzu wissenschaftliche Untersuchungen.

Alarmierende Nachrichten kamen im Sommer 2011 aus Schleswig-Holstein, wo die Anreicherung der Clostridien in Boden, Futter und Rindern bereits so hoch ist, das 90% der Rinder an Botulismus erkrankt sind.

Ein Vergleich Heu – Silage in Zahlen

Die folgende Tabelle [3] gibt die Resultate einer Studie wieder und zeigt deutlich den Unterschied des Clostridiengehaltes im Frischfutter im Kot und in der Milch bei Heu und Silofütterung. Der Umstand, dass der ph-Wert im Magen des Pferdes deutlich höher ist als im letzten Rindermagen, lässt den Schluss zu, dass die Clostridienzahlen bei einem Pferdebestand noch deutlich höher liegen dürften.

Clostridiensporen in Futter, Kot und Milch (nach Radetzky, 2005) Fütterungsperiode, Im Futter Im Kot In Milch Futter Sporen/g FM Sporen/g FM Sporen/ml Winterfütterung, Heu

70800,4 Winterfütterung, Gras 8.20015.0001,6 silageWinterfütterung, Gras 37.700197.00013,2

silage mit 6,4% Buttersäure-Gehalt**) Buttersäure ist ein wichtiger Qualitäts-Indikator. Hoher Buttersäure-Gehalt weist auf starke Verschmutzung hin

Fazit

Silage ist nur unter bestimmten Rahmenbedingungen ein gutes und sicheresPferdefutter. Wirtschaftliche Überlegungen oder eine genaue Nutzen-Risiko-Abwägung – zum Beispiel bei Heustauballergikern – können jedoch zugunsten der Silage-Fütterungen ausfallen.

Die Herstellung einer Silage mit geringem Clostridien-Gehalt setzt eine genaue Kenntnis der Futter-Zusammensetzung und der am Herstellungsprozess beteiligten chemischen und biologischen Vorgänge voraus so wie eine gewissenhafte und absolut saubere Arbeit. Bei einer im eigenen Betrieb sorgfältig hergestellten Silage kann angenommen werden, dass das Risiko einer Botulismus-Erkrankung nicht wesentlich höher ist, als bei der Fütterung von Heu. Bei zugekauften Ballen muss die Qualität – soweit möglich – genau geprüft werden (sichtbare Beschädigung der Hülle, sichtbare Verschmutzungen, Geruch). Silage unbekannter Herkunft und Billigangebote sollten nicht für die Pferdefütterzung verwendet werden.

Der Autor Stefan Pirnik betreibt zusammen mit seiner Frau einen Bauernhof mit etwa 3haWiesen und 5 Pferden. Der Betrieb wird extensiv und ohne ertragssteigernde Mittel (Kunstdünger) geführt. Jährlich werden etwa 5 bis 6 Tonnen hochwertiges Heu geerntet. Aufmerksam wurde der Autor auf die Botulin Problematik aufgrund der Vorgeschichte eines seiner Pferde, das nur dank glücklicher Umstände einer Botulin-Katastrophe entgangen ist, die vor etlichen Jahren gleich mehreren Pferden eines silagegefütterten Bestandes das Leben gekostet hat.

Quellen und Literatur

[1] Botulismus beim Pferd, Univ. Prov. Dr. René van den Hoven

[2] Sauber silieren  Botulismus vermeiden, Bauernzeitung Nr. 18 – 5. Mai 2011

[3] Radetzky, 2005

[4] Botulismus, www.Kavallo.ch, Birgit Herrmann

[5] CVE Pferd, Tetanus und Botulismus, Univ. Prov. Dr. René van den Hoven, 2010