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Der Absturz

Der Absturz kam Anfang Mai 2003: Unsere Spaziergänge, von bis zu 4 Stunden, führten uns an diesem Wochenende zum Ponyhof, wo ich mich zu einem Kurs anmelden wollte. Nattdis führte ich an der Hand, da der neue Sattel in der nächsten Woche geliefert werden sollte und ich den alten nicht mehr verwenden wollte. Ich band Nattdis im Hof fest und war keine 5m weg, als sie sich losreißen wollte. Auf meinen Zuruf hin hörte sie auf und ich eilte hin, um den Strick zu lösen, als sie sich nochmals nach hinten warf. Unglücklicherweise öffnete sich der Haken und Nattdis setzte es voll auf den Hintern!

Zunächst schien sie O.K., denn auch auf dem Heimweg lahmte sie  nicht. Ich hoffte, mit dem Schrecken davon gekommen zu schein, doch ein paar Tage sah es ganz anders aus: Sie hum­pelte nur auf 3 Beinen! Unser Tierarzt Dr. Damm verordnete ihr wieder eine Buta-Kur für 14 Tage und Ruhe. Doch nach Absetzen des Medikamentes ging?s ihr so schlecht wie zuvor: sie schleppte sich mühsam auf 3 Beinen dahin und hatte große Schmerzen. Das Röntgen zeigte den Grund. Durch den Sturz hatten sich die bereits verknöcherten Teile teilweise wieder gelo­ckert, was Schmerzen ähnlich einem Beinbruch verursacht. Ich begann ernsthaft übers Einschlä­fern nachzudenken, denn Nattdis hatte nichts mehr vom Leben. Sie konnte nicht mal schmerzfrei grasen gehen ohne Phenylbutazon. Ihr lebenslang Schmerzmittel zugeben, wollte ich nicht. Dann lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Doch die Entschei­dung über Leben und Tod ist nicht leicht zu fällen, besonders nachdem wir beide gemeinsam soviel durch gestanden hatten. Und so setzte ich Nattdis eine Galgenfrist bis Jahres­ende, denn ich weiß, dass ein Schub 3 bis 4 Monate dauert bis sie wieder O.K. ist. Es war eine Zeit der Tränen und der Schmerzen. Der neue Sattel wurde in den Kasten verbannt und ich fragte mich, ob wir ihn je brauchen würden.

Doch kampflos wollte ich nicht aufgeben und ging mit Nattdis trotzdem spazieren. Es waren meist maximal 100m und jeder, der uns gesehen hätte, hätte mich als Tierquäler angezeigt, denn Nattdis humpelte mühsam dahin. Oft fragte ich mich, ob ich das richtige tat.

Es waren die härtesten Monate, die wir beide je erlebt haben und sehr oft hatte ich Zweifel, ob wir?s auch diesmal schaffen. Doch nach 4 Monaten begann es mit Nattdis bergauf zu gehen und bereits lange vor Jahreswechsel ging es Nattdis so gut wie vor dem Sturz. Wir haben?s geschafft!!!

Zu Weihnachten bekam Nattdis von einem großen Fan und Liebhaber ein schönes, neues Half­ter geschenkt quasi als Symbol ihrer Rückkehr ins Reitpferdeleben und als Abschied vom Krank-Pferd. Das alte, schwarze Halfter wurde vernichtet, um endgültig die schlimme Vergangen­heit hinter uns zu lassen.

Und das neue Halfter zeigte Wirkung: Am Neujahrstag machten wir einen Fußmarsch zum Ponyhof. Nattdis war bester Laune und düste bergauf und ?ab zum Hof, ich im Laufschritt nebenher, nach Luft japsend. Sie zeigte dabei Trab, Paßtölt und Galopp an der Hand und nach 3 Stunden Marsch gab?s kein Lahmen, kein Humpeln und das trotz klirrender Kälte! So be­gann für uns das neue Jahr so gut wie keines zuvor. Inzwischen ist Nattdis trotz Barhuf voll ins Reitpferdedasein zurückgekehrt ? natürlich samt neuen Sattel.

Der neue Lebensabschnitt hat begonnen. Um ihre Muskeln und Gelenke nach 3 Jahren Pause zu mobilisieren und gymnastizieren, reite ich sie jetzt, nach klassischem Vorbild, vorwärts-abwärts. Bisher nur im Schritt, geradeaus und auf großen Biegungen (Zirkel, Schlangenbö­gen ). Auch an die Seitengänge tasten wir uns sehr vorsichtig heran, da dabei die Hinterbeine mehr Last aufnehmen und die Gelenke vermehrt gewinkelt werden müssen und Nattdis mit ihrem Spat ja doch ein Handicap hat. Ziel ist es, ihre Muskeln langsam  und gleichmäßig aufzu­bauen unter Rücksichtnahme auf ihren kranken Fuß und durch die Seitengänge auch ihren Kopf zu trainieren. Langsam und vorsichtig werden wir uns auch an die anderen Gangar­ten herantasten. Mal sehen wie weit wir kommen! Ich bin schon überglücklich, dass wir es so weit geschafft haben, wieder gemeinsam ausreiten können und dass Nattdis ihr Pferdele­ben schmerzfrei genießen kann.

Rückblickend waren diese Leidensjahre für uns beide eine sehr wertvolle Zeit, da wir uns mehr miteinander beschäftigten, als unter ?normalen? Bedingungen. Ich habe viel über den Charakter meines Pferdes erfahren und ihre Sprache großteils verstehen gelernt. Wenn ich sie heute ansehe, weiß ich wie?s ihr geht. Nattdis hat ihre Fähigkeit, in mir zu lesen wie in einem offenen Buch, perfektioniert und ich habe es gelernt, damit umzugehen. Oft versuchte ich in dunklen Wochen die Hoffnungslosigkeit mit guter Laune zu überspielen. Jedermann hätte ich damit täuschen können, Nattdis nicht. Und das alles ist es, was ich so an ihr liebe - und dass sie genauso tapfer gekämpft hat wie ich. Heute genieße ich jede Minute mit ihr viel bewusster als vor ihrer Krankheit, denn ich weiß, wie leicht ich sie verlieren kann. Und trotzdem: Könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich nochmals die Wahl, ich würde sie wieder kaufen, denn sie ist für mich absolut einmalig und ich bin von ihr genauso verzaubert wie damals ? eigentlich noch mehr!

Aus unserem Erfahrungsschatz . . . 

Denken sie als Besitzer positiv ? ?Kopf hoch!? ist das Motto. Tägliche Bewegung im Schritt auf weichen, geradenen Wegen ist ein absolutes Muss. Vermeiden sie beim Reiten enge Wendun­gen, versammelnde Übungen, harte Stopps oder Beschleunigungen, denn sie verursa­chen in den Gelenksetagen Scherkräfte und damit die Schmerzen. Das Aufwärmen im Schritt, mind. 20 Minuten, ist unbedingt nötig, damit sich das Pferd eingehen kann. Spatpferde sind keine Boxenpferde, sondern gehören in den Offenstall, wo sie sich viel bewegen können. Dort sind Jungpferde  keine guten Mitbewohner, da sie zu verspielt sind und das Spatpferd zu Stei­gen, Keilen, Rangeleien, Rutschereien animieren, was wieder Spatschübe auslösen kann. Gibt es in einem Stall mehrere ?Spataner?, wäre es eine Möglichkeit, sie als Gruppe in einem extra Offenstall unterzubringen, der ihren Anforderungen entspricht. Lassen sie ihr Pferd auch wenn es lahmt nicht links liegen, sondern bewegen sie es im Schritt ? egal ob geführt, geritten oder als Handpferd. Und sorgen die für Abwechslung durch Bodenarbeit, Zirkuslektionen, Arbeit am langen Zügel oder ähnlichem.

Das Barhufgehen hat sich bei Nattdis sehr bewährt. Im Winter war sie rutschfester unterwegs als ich, nur im Sommer hatten wir Probleme mit zu starker Abnützung. Hier können Huf­schuhe oder ein Beschlag helfen. Ausgebrochene Kanten sollten nach jedem Reiten befeilt werden. Alle 4 bis 6 Wochen sollte man selbst oder der Hufschmied die Stellung kontrollieren. Das Beschlagen sollte sehr rücksichtsvoll geschehen. Das Abwinkeln, längeres Aufhalten und so­gar das Prellen der Hammerschläge können Spatpferden so wehtun, dass sie den Fuß wegzie­hen oder Abwehrreaktionen zeigen. Deshalb den Hufschmied darauf hinweisen, damit er Rücksicht nehmen kann.

An Futterzusätzen können Teufelskrallenpräparate (Tierarzt), die schmerzlindernd wirkt und Muschelkalk zugefüttert werden. Die Präparate sind teuer, doch zeigen sie bei langfristiger Gabe gute Erfolge.

Homöopathisch hat Nattdis  ?Traumeel? und ?Zeel? von Heel bekommen. Bewährt haben sich die Tropfen, da diese mit einer Plastikspritze direkt auf die Maulschleimhaut appliziert und so schnell resorbiert werden können und auch die Ampullen, die der Tierarzt spritzte.

Später bekam sie Bryonia (Zustand schlechter durch Bewegung) bzw. Rhus toxidendron (bes­ser durch Bewegung). Diese Mittel sind Gegenspieler und in der Anwendung sehr heikel, da sie der Situation angepasst werden müssen, was eine ständige Beobachtung erfordert. Dies ist bei einem Einstellpferd oft nicht realisierbar. Auch Symphytum und Hekla Lava waren hilf­reich, was nicht sagt, dass diese Mittel auf jedes Pferd anzuwenden sind. Eine gute Alterna­tive, die wir zu Beginn in Verwendung hatten, sind die Vet-Tropfen von Mag. Doskar für akute bzw. chronische Lahmheit.

Grundsätzlich möchte ich noch anmerken, dass die Diagnose Spat nicht das Ende bedeutet, sondern das Pferd weiterhin Freude am Leben haben und auch als Reitpferd genutzt werden kann, wenn man auf sein Handicap Rücksicht nimmt. Sicher, Extrembelastungen wie Tur­niere sollte es nicht ausgesetzt werden, doch es spricht, je nach Verfassung, nichts dagegen Wanderritte zu unternehmen oder auch an Kursen teilzunehmen. Das Um und Auf ist, dass der Reiter auf sein Pferd Rücksicht nimmt, ein Gespür für dessen Erkrankung bekommt und die Anforderungen an die Möglichkeiten des Pferdes anpasst.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meinen Lieblingstierärzten Dr. Ulrike Schild­böck, Prof. Dr. Florian Buchner (beide Vet. Med. Wien) und Mag. Heinrich Damm, die Natt­dis bestens medizinisch betreut haben und uns noch heute jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. Aber auch bei meinen Freunden, die mir die Kraft und Zuversicht gaben, mit Nattdis diese Jahre gemeinsam durchzustehen.

Last but not least bei meiner Nattdis für ihr Durchhaltevermögen und  ihren tollen Charak­ter, denn in all den Jahren war sie trotz Schmerzen nie grantig oder ungehalten. Danke!

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