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Im September 2001 fuhren wir zum Dressurreitkurs am ?Lindenhof? nach Hausmannstätten, der von Alfons Dietz geleitet wurde. Leider fand der Kurs für Nattdis ein jähes Ende: Liesl Stabinger wollte Nattdis nur mit einem Strick über das Genick zu einer anderen Mobilbox führen. Nattdis haßt jeglichen Druck aufs Genick und stieg. Das hielt ihr Fuß nicht aus ? am nächsten Tag lahmte sie so stark, daß ich einen Tierarzt rufen mußte und ich den Kurs auf Andalusiern weiterritt. Der Tierarzt riet mir zu einer Leitungsanästhesie von Huf bis zur Hüfte, wobei er die Hüfte durch eine Injektion direkt ins Gelenk schmerzfrei spritzen wollte. Und das alles quasi zwischen Boxentür und Auslauf, ohne stationäre Aufnahme oder dergleichen. Dem willigte ich nicht ein, packte Nattdis zusammen und brachte sie nach Hause.

Tage später rief ich Dr. Schildböck an, um einen wieder einen Termin an der Vet. Med. zu vereinbaren. Dieses Mal wollte ich sie genauerst durchchecken lassen, was einen mehrtägigen Aufenthalt nötig machte. Um bei den Untersuchungen dabei sein zu können und Nattdis nicht unnötigen Streß auszusetzen, organisierte ich nicht nur eine Außenbox an der Klinik, sondern auch ein Quartier für mich. Da Montag die Untersuchungen beginnen sollten, fuhren wir Sonntag vormittag nach Wien.
Nach der Anmeldung und Aufnahme der Daten konnte Nattdis gleich ihr ?Krankenzimmer? beziehen: eine schöne geräumige Box großzügigst mit entstaubten Spänen eingestreut. Ausgerüstet mit einem Tramperrucksack und Straßenkarte machte ich mich zu Fuß auf den Weg mein Quartier zu finden. Am frühen Vormittag kam ich dort an, hatte ich die ?wienerischen? Entfernungen gewaltig unterschätzt. Nachmittags besuchte ich Nattdis, die sich über mein Kommen sehr freute, langweilte sie sich, trotz pferdischen Nachbarn, zu Tode.

Wir beschlossen, uns das Klinikgelände genauer anzusehen. Wir spazierten vorbei an der Schmiede, der Chirugie, der Geburtsklinik und der Klinik für Kleintiere bis ganz ans Ende zum Hauptgebäude. Sie werden jetzt denken, man kann doch nicht einfach an einer Uni mit dem Pferd spazieren gehen, ohne das es auffällig wäre und die Leute denken, man sei plem-plem. Dachte ich auch, bis uns  2 Mädels mit 4 Shettys am Halfter entgegenkamen, fröhlich miteinander tratschend. Nattdis begrüßte sie natürlich freundlichst mit einem Wiehern, wie all die anderen Pferdepatienten, die gruppenweise in Ausläufen oder einzeln in Paddocks untergebracht sind.


Montags ging der Tag mit der Visite los. Eine Gruppe von Studenten, geführt von Prof. F. Buchner (?Spat beim Isländer?, IPÖ 1/2003) und meiner Lieblingstierärztin Dr. Schildböck, gingen von Box zu Box, um die Fälle zu besprechen. Einige Zeit später holte uns Dr. Schildböck zwecks Untersuchung. Mittels Leitungsanästhesie wurde der Schmerz erneut im Sprunggelenk lokalisiert und anschließend zum Vergleich mehrere Röntgen gemacht. Diese brachten die Ursache ans Licht: In einem halben Jahr hatten sich enorme Knochenzubildungen gebildet, die nicht nur die Knochenetagen unter dem Gelenk, sondern auch das Gelenk selbst betrafen - Diagnose: Nattdis ist unreitbar!!
Prof. Buchner und Dr. Schildböck waren total einfühlsam und lieb, aber für mich brach eine Welt zusammen! Nie mehr Tölten, nie mehr einen Ausritt machen, mit nicht mal 11 Jahren? Nattdis bekam gegen die Schmerzen eine Injektion direkt ins Gelenk. Der Aufwand war riesig, muß das betroffene Gebiet keimfrei sein. Das Sprunggelenk wurde bis auf die Haut rasiert und es wurde zig-mal desinfisziert wegen des Infektionsrisikos. Während dies alles geschah, stand Nattdis wie eine Statue und ich betete, daß sie es weiterhin tat, war absolute Ruhigstellung des Gelenks für den Behandlungserfolg von entscheidender Bedeutung. Währenddessen erklärte mir die Ärztin ruhig und freundlich jeden Handgriff den sie machte. So war alles schnell und gut überstanden. Doch die Verzweiflung tobte weiter in mir. Mein Pferd unreitbar ? alle schönen Dinge, die wir gemeinsam erlebt hatten fielen mir ein: die Ausritte, Reitstunden, Kurse und wir hatten noch so viel vor: Wanderritte, Kurse, Materialprüfung und ein eigenes Fohlen und nun soll alles aus und vorbei sein?!

Nachdem ich Nattdis zurück in ihre Box gebracht hatte, ließ ich den Tränen freien Lauf. War die Diagnose doch gleichzusetzen mit einem Todesurteil; Ich war wütend über die Tatsache, daß ich sehr viel Geld für ein Pferd gezahlt habe, daß ich nur knapp 2 Jahre geritten bin und über die Ungerechtigkeit, daß Reiter, die ihre Pferde mehr schinden als ich, reitbare Pferde haben und wir nun keine Zukunft mehr hatten. Plötzlich stand Dr. Schildböck vor mir. Hatte sie bemerkt, wie sehr mich die Diagnose getroffen hatte. Sie versuchte mich zu trösten und sagte dabei etwas sehr wichtiges: ? Pferde leben im hier und jetzt. Sie denken nicht an den Tod und darum geht es Nattdis gut, sehen sie mal!?. Und Nattdis stand da - mit ihrem pinkfärbigen Verband und schaute uns interessiert an. Meine Beruhigung dauerte nur kurz, mußte ich sämtliche Freunde telefonisch verständigen, um Bericht zu erstatten. Alle hatten tröstende Worte für mich, doch alle hatten auch gesunde, reitbare Pferde zu Hause und keiner kann wirklich verstehen, was damals in mir vorgegangen ist. Die nächsten Tage und Nächte, dazu allein in Wien, waren die Hölle. Meine Gedanken kreisten nur um das Wort: unreitbar!


Nach 3 Tagen Boxenruhe, fuhren wir wieder nach Hause. Nattdis war dank der Injektion schmerzfrei und bester Laune als wir zu Hause ankamen. In den folgenden Tagen der Boxenruhe mied ich den Kontakt zu ihr. Erinnerte sie mich schmerzlich an mein verlorenes Reiterglück. Auch die vielen Reitutensilien, die herumhingen, verursachten Schmerz und Tränen, würde ich sie doch nie wieder brauchen. Als wir ihr, auf Anraten von Prof. Buchner über den Winter die Eisen abnehmen mußten, schien es für mich ein endgültiger Abschied vom Reitpferdedasein zu sein. Ich wurde depressiv, sah keinen Sinn darin, laut Therapie der Klinik, ab jetzt mit Nattdis jeden Tag spazieren zu gehen. Ein guter Bekannter, der mich trösten versuchte, sagte: ? Du hast sie doch nicht gekauft wegen ihres Tölts, sondern vor allem weil sie ist, wie sie ist und daran ändert auch der Spat nix!?
Und er hatte recht ? an unserer Zuneigung hat sich nichts geändert; im Gegenteil, war sie noch größer geworden in all den Monaten. Deshalb hatte ich große Angst, sie hergeben, sie schlachten lassen zu müssen. Langsam siegte die Vernunft und ich erkannte, daß ich Nattdis Lebensversicherung bin. Wenn ich sie bewege, kann ich das Schlimmste verhindern: nämlich sie töten lassen zu müssen, weil sie Schmerzen hat und humpelt. So besiegte ich meinen inneren Schweinehund und wir nahmen unsere Spaziergänge an der Hand wieder auf: jeden Tag bei jedem Wetter ? ausnahmslos! Den ganzen Winter gingen wir spazieren, Tag für Tag. Ich führte sogar ein Protokoll über unsere Wege, das Wetter und ihre Fortschritte. Ich bemerkte, daß Spat sehr auf Kälte, Wetterumschwünge und auf Stehen reagiert. Selbst der Auslauf im Paddock war Nattdis zu wenig und führt zu einer Verschlechterung.

Die Fortschritte meiner Therapie gaben mir Flügel! Ging?s ihr im Frühjahr so gut, daß man im Schritt nichts vom Spat merkte, doch mental bekam sie Probleme: sie langweilte sich. Eine Freundin riet mir, sie zu reiten. Mit gemischten Gefühlen holte ich meine Reitsachen hervor und sattelte mein Pferd ? nach mehr als einem halben Jahr! Nattdis benahm sich, als ob es nie eine Pause gegeben hätte. Ich war unglaublich stolz auf sie, dauerte unser erster Ausritt zwar nur 100m, doch der Fuß hielt. Kein Lahmen während des Reitens und danach. Ich war der glücklichste Mensch auf Erden! Nattdis war es ebenso, denn sie schien die Rückkehr ins Reitpferdedasein sehr zu genießen. Vorsichtig begann ich sie nun regelmäßig im Schritt zu reiten; nur auf ebenen, weichen Wegen, war sie ja nicht beschlagen. Bergauf/ bergab führte ich Nattdis weiterhin an der Hand. Manchmal packte mich beim Reiten die Wehmut und es kullerten die Tränen, denn sie war wunderbar zu reiten: im Maul so weich wie immer und auch nach so langer Zeit reagiert sie prompt und richtig auf jede Reiterhilfe! Ach, welch? tolles Pferd hatte ich doch verloren! Obwohl wir nur Schritt reiten konnten, waren wir das glücklichste Paar weit und breit, was viele Reitkollegen nicht verstehen konnten. Sie hatten aber ihr Pferd auch nicht vom Schlachthof gerettet und die Meinung widerlegt, sie sei unreitbar! So ging es dermaßen steil mit unseren Fortschritten bergauf, daß ich Nattdis nicht nur einen neuen, teuren Sattel kaufte, da der alte nicht mehr paßte, sondern das es auch steil bergab gehen kann.

Lesen sie nächstes Mal: ?Ende gut? heißt nicht ?alles gut? und wie wir einmal mehr unsere Stehaufmännchen-Natur beweisen.

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