See other templatesSee other templates

Nach der 14-tägigen Boxenruhe durfte ich sie, mit 10 Minuten beginnend, langsam im Schritt an der Hand bewegen. Zusätzlich behandelte ich Nattdis mit ?Traumeel?-Tropfen von Doskar sowie den homöopatischen Mitteln Bryonia D6 (Verschlechterung durch Bewegung) sowie Rhus toxidendron D30 (Verbesserung durch Bewegung), je nach Situation. Von Mag. Damm, unserem Tierarzt, hatte ich eine rote Phlegmonesalbe (mit Kampfer) zum Einreiben ins Knie erhalten. Alles in allem führte die Therapie dazu, daß am Knie lediglich eine leichte, schwammige Schwellung vorhanden war, die Nattdis nicht schmerzte. Nach mehreren Wochen begann ich sie vorsichtig im Schritt zu reiten. Anfangs nur 10 Minuten und auf ebenen Boden, war sie doch 3 Monate gestanden. Unter ständiger Beobachtung ihres Knies, daß aber keine Probleme mehr machte, wurde die Belastung unserer Schrittausritte gesteigert. Eine Fahrt nach Wien schien mir nicht mehr dringend zu sein, denn es ging kontinuierlich bergauf mit ihrer Genesung. Bis wir Ende Februar 2002 wieder einen Ausritt machten. Da ich glaubte, aus weiter Entfernung, die Hunde, die eingesperrt zu Hause sein sollten, auf der Wiese laufen zu sehen, beeilte ich mich nach Hause. So trabten ich mit Nattdis ein längeres, ebenes Wegstück und bergauf saß ich erst im letzten Stück ab. Zu Hause angekommen sah ich, daß der vermeintliche Hund nur das Kälbchen des Bauern war und Nattdis nicht nur total aus der Puste war, sondern ihr linkes Hinterbein wieder entlastend abwinkelte. Nach dem Absatteln humpelte sie stark, als ich sie in den Stall führte ? und ich fluchte über meine Blödheit. In den folgenden Wochen nahm ich die Belastung voll zurück: Spazieren an der Hand (3x 15 Min., nur auf ebenen Boden und sie bekam auch ihre Medikamente wieder. Zusätzlich massierte ich sie - besonders im Bereich der Oberschenkelmuskulatur. Trotz allem wurde ihr Bein nur sehr langsam besser und sie belastete es selten. Meist stand sie mit abgewinkeltem Bein und in Entlastungsstellung im Paddock herum, und wenn sie ging, humpelte sie deutlich. Mich überkam die Verzweiflung ? nichts was ich machte, schien ihr zu helfen. Selbst die Homöopatika und wärmenden Einreibungen, die ihr zuvor so gut geholfen hatten, sprachen nicht mehr an! Das Knie blieb unverändert.
Langsam wurde ich auch ungeduldig, war ich doch mein Pferd seit November nicht mehr richtig geritten ? ein Vierteljahr! Aus Mitleid, ratlos und im Glauben, ihr Gutes zu tun, ließ ich sie meist in Ruhe und konzentrierte mich aufs Lernen für die letzte Prüfung meines Studiums. Zu jener Zeit fiel mir eine Reitzeitschrift in die Hände, wo es um Krankheitsbedingt unreitbare Pferde ging, die zum Sterben zu gesund und zum Reiten zu krank waren. Das Thema behandelte die Tötungsmethoden und ob Einschläfern oder Bolzenschuß besser wären. Ein Thema, über das kein Reiter nachdenkt. Ich mußte- stand doch dort draußen ein Pferd das Schmerzen hatte, lahmte, seit einem halben Jahr nicht mehr reitbar war ? und ich wußte nicht mal wieso. Nach dem Lesen des Artikels schwor ich mir: ich würde Nattdis töten lassen, wenn sie sich nicht mehr schmerzfrei bewegen kann, hatte sie doch dann nichts mehr vom Leben. Als Mitte März Nattdis Auslauf auf die Weide erhielt und nach vier Stunden auf drei Beinen in den Stall gehumpelt kam, trieb es mir die Tränen in die Augen. War nun der Zeitpunkt gekommen, mein Versprechen einlösen zu müssen?
Am selben Tag noch bat ich Mag. Damm mit der Orthopädie an der veterinärmedizinischen Uni in Wien einen Termin zu vereinbaren. Am 2. April, 9 Uhr morgens sollten wir da sein. Nun ging das Organisieren los: Hänger ausborgen, Fahrer finden. Der 2. April begann für uns alle sehr früh : 4h! Nattdis stieg brav ein. Seit der Termin mit Wien fest stand, ging es ihr plötzlich besser. Sie lahmte kaum noch. Auf der Fahrt kamen wir gut voran, doch vor den Toren Wiens wurde der Verkehr immer dichter. Wir erreichten die Uni überpünktlich. Ein großer Komplex von vielen backsteinroten Gebäuden empfing uns. Nachdem wir beim Portier uns und unsere Tiere, die Hunde waren natürlich auch mit von der Partie, deklariert hatten, fuhren wir zur Orthopädie, die durch die zahlreichen Pferde in diversen Ausläufen leicht zu finden war. Nattdis stieg so relaxt aus dem Hänger wie sie eingestiegen war. Während Stefan ein paar Runden im Hof mit ihr spazierte, meldete ich uns an.
Die Anmeldung sowie die folgende Untersuchung wurde von Dr. Ulrike Schildböck durchgeführt. Frau Dr. Schildböck, jung, mit ruhiger Ausstrahlung, ließ sich von mir den bisherigen Krankheitsverlauf sowie alle Therapien schildern. Die Daten wurde alle per Computer erfaßt. Anschließend wollte sie Nattdis untersuchen. Auf der überdachten Vorführbahn tastete sie das Bein ab und untersuchte mit einer Hufzange den Huf auf etwaige Entzündungen. Nichts auffälliges. Dann mußte ich Nattdis im Schritt und Trab vorstellen. Unzählige Male liefen wir auf und ab, doch mein zu Hause stocklahmes Pferd lahmte einfach nicht! Deshalb wurde an beiden Hinterbeinen die Spatbeugeprobe gemacht. Nattdis mußte natürlich Theater machen, fingerten doch zwei fremde Menschen in weißen Mänteln mit Tierarztgeruch an ihr herum! Doch Dr. Schildböck blieb die Ruhe selbst und ihr ?Ganz ruhig, Weibiii!? wirkte auf Nattdis. Anstandslos ließ sie alles weitere über sich ergehen, sodaß sie von allen gelobt wurde, welch braver, artiger Patient sie war. Bei der Spatprobe zeigte sie eine stärkere Lahmheit links als rechts, aber selbst die war nicht aussagekräftig genug. Darum beschloß Dr. Schildböck die Belastung zu verschärfen und bat mich Nattdis in der institutseigenen Reithalle zu longieren. Wie alles an der Uni ist auch die Reithalle super modern: hell, gut durchlüftet, mit angenehm weichem Hackschnitzelboden, der nicht staubt. Nattdis wurde auf beiden Händen ausgiebig im Trab longiert, aber selbst das brachte nicht die erwünschte Verschlechterung.
Da laut dem Grazer Tierarzt eine Arthrose im Knie bestand und nach wie vor eine leichte Schwellung da war, ordnete Dr. Schildböck eine Ultraschalluntersuchung des Knies an. So betraten wir einen der vier Behandlungsräume: alle von außen betretbar und in der Dimension einer LKW-Garage. Von Assistenten wurde Nattdis das Knie rasiert und desinfisziert. Alle Beteiligten strahlten dabei eine solche Ruhe und Freundlichkeit aus, daß sogar ein Angsthase wie Nattdis nicht anders konnte, als sich zu entspannen, selbst wenn ihr vieles nicht koscher war. Die Ultraschalluntersuchung ergab, keinerlei Arthrose und akute Entzündung, sondern nur eine sehr geringgradige Füllung des Gelenkes. Alle Untersuchungen wurden mir von der Ärztin verständlich erklärt, jede meiner Fragen ausführlichst und freundlich beantwortet. Als weitere Untersuchung schlug Dr. Schildböck eine Leitungsanästhesie vor. Dabei werden mittels eines Anästhetikums (Betäubungsmittels) gewisse Nerven, die bestimmte Teile versorgen, sozusagen tot, sprich: schmerzfrei, gespritzt. Dadurch kann man den Ausgangspunkt der Lahmheit besser abgrenzen. Es wurde bei Nattdis eine sogenannte ?Tib- Fib? gemacht, wo u. a. der Nervus tibialis und der Nervus fibularis, somit vom Huf bis zum Sprunggelenk alles anästhesiert wird. Nach einiger Wartezeit wird mit einem Nagel, der an einer Holzstange befestigt ist, getestet ob sie ? sitzt? d. h. beim Hineinpieksen des Nagels in die Ballen darf das Pferd keine Schmerzempfinden (Wegzucken des Beines) zeigen. Nattdis zeigte- trotz Augen-zu-halten wußte sie genau, wann Dr. Schildböck piekste. Deshalb entschloss sie sich nachzuspritzen und es länger einwirken zu lassen. Da es bereits früher Nachmittag war, nahmen wir die Gelegenheit wahr, inzwischen unseren Magen in der Kantine zu füllen. Sehr zu meiner Verwunderung, durften meine beiden Hunde diese Räumlichkeit betreten! An der Grazer Uni ist dies strikt verboten. Nach der kurzen Mittagspause mußte ich Nattdis nochmals in Bewegung zeigen und die Beugeprobe wurde wiederholt und siehe da ? die Lahmheit von zuvor war gänzlich weg! Die Lahmheit ging offensichtlich vom Sprunggelenk aus. sollte Ein Röntgen sollte zur genauen Diagnose gemacht werden. Wir wanderten durch den Behandlungsraum vorbei am OP zum Röntgenraum. Auch hier waren alle Geräte vom Modernsten und Feinsten. Innerhalb kürzester Zeit hatte ich drei Röntgenbilder vom linken und rechten Bein samt Kopien.
Nattdis benahm sich so super brav, daß ich vor Stolz fast platzte. Leider war die Diagnose um so trauriger: sie hatte Spat links hinten. Der Spat war schon weit fortgeschritten und die drei Gelenksetagen waren fast zur Gänze durchgebaut. Rechts war kein Spat zu sehen. Damit hatte ich nicht gerechnet; hatte Nattdis doch nie beim Reiten Probleme gezeigt. Lediglich den linken Hinterhuf gab sie beim Beschlagen und Auskratzen nicht so gern. Bisher hatte ich es als Ungezogenheit ihrerseits gesehen, wenn sie ihn mir nach kurzer Zeit aus der Hand riss. Daß das Winkeln sie schmerzen könnte, wäre mir nie eingefallen. Doch scheinbar hatten wir das Schlimmste hinter uns, denn Spat schmerzt nur solange bis diese Gelenksetagen verknöchert sind und das war bei Nattdis ja der Fall. Also könnte es nur noch besser werden - dachte ich. Es war 15h 30 als Dr. Schildböck mit mir die abschließende Therapie besprach: 1.) Gehen, gehen und nochmals gehen, denn ?wer rastet, der rostet? (Zitat Dr. Schildböck), 2.) ebene Weide suchen, keine ? Gebirgsweide? und 3.) beim Beschlag auf Zehenrichtung achten, um das Abrollen zu erleichtern. Zur Schmerztherapie erhielt Phenylbutazon für 10 Tage, um mit Nattdis trotz Entzündung spazieren gehen zu können.
Erleichert lud ich mein Pferd wieder ein, war ich doch mit viel schlimmeren Befürchtungen nach Wien gekommen, dabei hatte sie ?nur? Spat. Schwer beeindruckt war ich von Dr. Schildböck: Ihre ruhige, liebe freundliche Art mit Pferd und Besitzer umzugehen, fand ich super. Als ich Wien verließ schien es mir, als hätten mein Pferd und ich eine neue, liebe Freundin gefunden. In den folgenden Wochen bestand mein Leben nur aus Lernen und Spazierengehen samt Pferd und Hunden. Selbst, wenn Nattdis sichtbar lahmte, gingen wir spazieren. Nicht weit, aber oft. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Ende April schloß ich mein Studium ab und im Juni standen die ersten Schrittausritte wieder auf dem Programm. Nattdis` Kondition wurde kontinuierlich besser. Ans Traben war nach wie vor nicht zu denken. Ging?s schneller, passte sie lieber als zu traben. Doch ging sie taktklar Schritt, daß ich beschloß, im September an einem Kurs für klassische Dressur und Bodenarbeit bei Elisabeth Stabinger in Hausmannstätten teilzunehmen.

Go to top