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Nach der Reiteinheit ging Bent in seinem „Wort zum Sonntag“ näher auf diese Frage ein. Er erzählte uns von den Zuschauern auf der Tribüne, von den miteinander flüsternden Personen am Bandenrand und von den vielen anderen Zuschauertypen, die einem Reiter mit ihren Augen folgen, ihn sehen und bewerten. Und nun die Frage: „Für welche dieser Augenpaare reitest du?“

Auch lange nach dem Wochenendlehrgang ging mir Bent’s Frage nicht aus dem Kopf. Vor allem, weil ich auf die Schnelle keine passende Antwort fand und das machte mich für lange Zeit sehr nachdenklich. Ich machte mich auf die Suche nach einer Antwort:

Als Kind ritt ich für die Augen meines Papas. Er war mein Sponsor, mein einziger Zuschauer und mein Kritiker. Ihn wollte ich beeindrucken! Sollte er doch stolz auf mich sein - und auch weiterhin meine Reitstunden zahlen. Und ich bemühte mich umso mehr, je mehr Ratschläge mir mein (nicht reitender) Vater gab: warum ich denn das Pferd immer die Ecken abkürzen ließe? Ich bräuchte doch nur den äußeren Zügel kürzer zu nehmen! Und: Warum ich denn beim Springen immer so schief anreite, dass könne ja dann nix werden!? Ich bräuchte mich nur auf die Mitte konzentrieren, richtig anreiten, das Pferd hinlenken und springen tut es dann eh von selbst! Es wäre alles ganz einfach!

Natürlich ritt ich auch für die Augen meiner damaligen Reitlehrerin. Schließlich wollte ich ihr zeigen, dass ich gut reiten kann, Fortschritte mache, wollte ihr Lob und kein Versager sein, weil das Pferd mir nicht gehorchte. Dieses Bestreben mein Können noch stärker zu präsentieren wurde vervielfacht, wenn gleichaltrige Mädels an der Bande standen, zuschauten und kicherten – dann ritt ich für ihre Augen.

In der Pubertät und sogar danach (gebe ich offen zu), ritt ich natürlich auch mal für die Augen manch eines männlichen, gut aussehenden Reitlehrers, Privatreiters oder Turnierreiters, um ihm „schöne Augen“ zu machen.

Bei diversen Reitprüfungen und Turnieren ritt ich, wie all die anderen Teilnehmer, ausschließlich für die Augen der Richter. Wobei das bei den Großpferdeturnieren einfacher war als bei den Islandpferdebewerben: bei den „Großen“ gab es nur einen Richter, bei den „Isis“ gab es zwischen 3 und 5 Richtern. Also für wessen Augen reiten? Doch das Urteil dieser Augen war damals für mich – und ist es für viele andere Reiter jetzt immer noch – das einzig wahre, denn die Richter entscheiden, wer und was gut war und wer nicht.

Sogar als ich meinen Mann Stefan kennen lernte, ritt ich anfangs für seine Augen, bis ich begriff, dass seine Zuneigung nicht von meinen reiterlichen Fähigkeiten abhängig war.

Tja, und dann kam das erste, eigene Pferd: Nattdis fra Vogum. Entschuldige bitte, Nattdis - aber auch dich benutzte ich anfangs, um mich präsentieren zu können. Und wieder ritt ich für viele, verschiedene Augenpaare, um Anerkennung und Bewunderung darin zu finden. Nahmen Nattdis und ich an Kursen teil, war ich abgelenkt vom Tuscheln im Publikum, das sicher nur mir und meiner Reiterei galt. Damals, dass wusste ich nur noch nicht, hatte ich ein großes Problem: für wessen Augen sollte ich reiten? Für die des Kursleiters? Für die beiden Damen links außen, die aufgeregt miteinander tuschelten, mein Tun, so schien es mir, kritisch beäugten, manchmal mit den Fingern in meine Richtung wiesen oder etwa für den jungen, smarten Mann in der zweiten Reihe? Aus heutiger Sicht, frage ich mich, wie ich damals überhaupt reiten konnte! Kaum ein Gedanke kreiste ums Reiten oder um Nattdis. Arme Nattdis! Aber wie Bent Branderup zu sagen pflegt: „Das erste Pferd leidet am meisten.“

Doch Nattdis Leidenszeit ging zu Ende, als ich auf Bent Branderup und seine akademische Reitkunst stieß – jahrelang, nur als Zuschauer und –hörerin, was mir, aus heutiger Sicht, keineswegs geschadet hat. Auf den Kursen sah ich harmonische Pferd-Reiter-Paare, die schwierige Lektionen, meist einhändig, mit einer Leichtigkeit meisterten, Ruhe ausstrahlten und an dem, was sie taten, spürbar Freude hatten. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie sich vor dem Reitmeister oder dem Publikum in Szene setzen wollten, obwohl ihr Können durchwegs spektakulär für einen simplen Freizeitreiter war. Die langjährigen Schüler zeigten dabei lediglich ihre Hausaufgaben, die ihnen Bent vor mehr als einem halben Jahr mit auf den Weg gegeben und an denen sie zu Hause allein weitergearbeitet hatten. Und wie Hausaufgaben eben sind: sie sind nicht unbedingt fehlerfrei, doch dass schien weder Meister noch Reiter zu stören – es gab trotzdem Lob und weitere Hilfestellung, um auch jenen Fehler noch zu beheben, bevor man sich an die nächst schwierigere Aufgabe machte. In den Theorieeinheiten war von Reitkunst die Rede, die die  Verschmelzung zweier Lebewesen ist: „Zwei Körper sollen können, was ein Geist will!“ lehrt uns Bent Branderup und dass wir nur darauf zu achten brauchen, wie das Pferd sich frei auf der Weide bewegt, wenn es sich stolz und prächtig fühlt. SO - und nur so sollen wir unsere Pferde reiten! Denn „ein prächtiges Pferd mittelprächtig zu reiten, sei keine Kunst!“ (Zitat Bent Branderup). Dass man auf die natürliche Anmut des Pferdes Rücksicht nehmen muss, davor warnt schon Pluviniel: „Der Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blume – einmal verflogen kehrt er nie mehr zurück.“

Bereits nach dem ersten Kurs war ich von der akademischen Reitkunst in den Bann gezogen und fest entschlossen, die Theorie in die Praxis umzulegen, denn auch ich wollte ein stolzes, prächtiges Pferd!

Dieser Vorsatz ließ meine damalige „Reitwelt“ erbeben und es blieb auch kein Stein auf dem anderen. Es begann damit, dass ich keine Reitstunden mehr nahm oder nehmen konnte – kein meiner damaligen Lehrer konnte mich nach den Grundsätzen der akademischen Reitkunst unterrichten. Allein durch diesen Wunsch und der Bekenntnis den Weg zur akademischen Reitkunst zu beschreiten, machte ich mich schlagartig zum Exoten (oder sollte ich besser sagen: zum Aussätzigen?) im damaligen Reiterkreis (ich ritt auch Großpferde) und als Islandpferdereiterin erst recht.

So, nun stand ich ganz allein da. Jahrelang wurde mir gesagt, was ich wie zu machen hätte und nun sollte ich fühlen; fühlen, was mein Pferd unter mir tat! Mein Gefühl wurde jedoch nie geschult oder gefragt. Dies war anfangs sehr schwer: nach dem eigenen, inneren Gefühl zu reiten, zu fühlen, was Nattdis tat und wo sie Hilfe brauchte. Oder wie Bent es formuliert: „Großhirn an Po-Backe: Was fühlst du? Was macht die Hinterhand? Großhirn an Hand: Was fühlst du in der Hand?“. Und um gleich weiter Bent Branderup zu zitieren: „Was du in der Hand hast, hast du hinten (an der Hinterhand) nicht oder falsch getan!“ Doch wie fühlt sich ein „falsch, bisschen falsch, genau richtig, fast richtig oder gemogelt“ an? JA, dass sagt dir nur dein Gefühl und das braucht Übung - viel Übung würde ich heute sagen. Ebenso war das selbstständige Arbeiten für mich neu, denn jahrelang wurde mir gesagt, welche Lektion ich in welcher Reihenfolge zu reiten hatte. Nur das „Warum“ blieb auf der Strecke. Bent wies und weist immer darauf hin, wie wichtig es ist zu fragen: „warum?“ -  aber es nimmt eine ganz andere Dimension an, wenn man selbst betroffen ist: Warum klappt die Lektion nicht? Warum hat Nattdis mich nicht verstanden? Was mache ich falsch? Warum kann sie es nicht machen? Dazu musste ich auch selbst entscheiden, warum ich diese Lektion jetzt reite und was ich damit erreichen will. Viele Fragen, die sich plötzlich nur um ein Thema drehten: Nattdis. Sie war für mich der Mittelpunkt geworden, das Maß aller Dinge, der Richter, vor dessen Augen ich bestehen wollte.

„Sieh‘ hinein in die Augen deines Pferdes, aber erschrecke nicht über die Wahrheit!“

Und die Wahrheit traf mich mit voller Wucht: seit ich sie besaß, hatte ich mich nie um ihre Gefühle gekümmert, nicht gefragt, was sie zu sagen hat und ihr nie zugehört, war ich doch viel zu beschäftigt vor anderer Augen Gefallen zu finden! Doch ich hätte es auch nicht gekonnt, denn ich hatte mich nie darum bemüht. Und nun wollte ich lernen, sie zu verstehen und zuzuhören, was sie zu sagen hat.

„Höre nun, da dass Pferd dich trägt, nicht so sehr auf mein Wort als auf das Pferd.
Das Pferd ist der beste Reitlehrer.
Es ist der Meister, der straft und belohnt:
Er verschließt sich dir, wenn du auf andere Lehren hörst als auf die seinen.
Lerne vom Pferd!“

(Binding)

So war ich jahrelang damit beschäftigt, auf unzählige Fragen Antworten zu finden, zu lernen in mein Pferd, meinen Körper und mich hineinzuhorchen, die theoretischen Grundlagen der akademischen Reitkunst mir anzueignen und sie Nattdis zu erklären.

Dann kam das Wochenende, als wir erstmals vor des Meisters Augen ritten. Natürlich war ich nervös, ob wir wohl den gestrengen Augen des Meisters mit unserem bescheidenen Können genügen würden. Hatte ich die Theorie richtig verstanden und sie Nattdis richtig erklärt? Konnte ich mich auf mein „inneres Auge“ verlassen? Half ich Nattdis im richtigen Moment? Kein Gedanke mehr daran, irgendjemanden beeindrucken zu wollen! Damals wie heute, hoffe ich nur auf die Bestätigung, dass mein Gefühl, Nattdis Signale zu erkennen und zu deuten, richtig ist und von Sabine oder Bent erklärt zu bekommen, was mein inneres Auge noch sehen könnte, wenn ich noch genauer zuhören und hinfühlen würde. Dass Nattdis der Mittelpunkt meines Denkens und Fühlens geworden war, zeigte sich an jenem Sonntag, als ich in der muchsmäuschen- stillen Halle, Bent unsere alltägliche Arbeit vorzeigen sollte. Nicht einmal, als meine Hunde durch ihr plötzliches Gekläffe die Stille völlig unerwartet zerrissen, kamen Nattdis und ich aus dem Konzept. Wir waren völlig aufeinander konzentriert, in einer Zwiesprache versunken, ähnlich einer Meditation, und ich achtete nur auf die Signale, die Nattdis mir zukommen ließ. Nur mit dem Zuhören von Bent’s Erklärungen während ich samstags ritt, hatte ich anfangs Probleme: die Funktionen „Großhirn an . .. „“ und „Nattdis an Judith :..“konnte ich damals noch nicht gleichzeitig betätigen!

Heute, viele Jahre und Kursbesuche später, schafft es mein Körper, das „innere“ Auge, meine Ohren und meinen Mund (d.h. ich kann mit dem Kursleiter auch reden, während ich reite ;-)) gleichzeitig betätigen, ohne meine innere Konzentriertheit zu verlieren, die ich gerne als meine Reitmeditation bezeichne, da sie mich genauso entspannt wie eine Meditation. Heute macht Nattdis und mir die Arbeit wieder Spaß, weil wir trotz schwierigerer Lektionen und hoher Konzentration uns dabei gut entspannen und harmonisch gemeinsam arbeiten können. Das alles verdanken wir beide Bent Branderup!

Für mich habe ich eine Antwort auf seine Frage gefunden: ich reite für die Augen meiner Pferde! Sind sie stolz und freudig, wenn ich sie arbeite oder reite, dann bin ich sehr glücklich und es fühlt sich richtig an. Dank Bent’s Frage musste ich mich sehr intensiv mit meiner Reitvergangenheit auseinander setzen und es hat mir nicht gefallen, was ich gesehen habe: Ich wollte mich beweisen, gelobt und geliebt werden, meines Könnens und nicht meiner Person wegen, Ehrgeiz befriedigen und besser sein als andere, um über ihnen zu stehen. Und darüber vergaß ich gänzlich meine damaligen Partner: die Pferde! Sie degradierte ich zu Nutzobjekten, die ich dazu missbrauchte, mein Ego aufzupolieren und die meine vielen charakterlichen Schwächen erdulden mussten – bitte entschuldigt!

Heute bin ich dank der akademischen Reitkunst etwas gereift, bin selbstkritischer geworden, habe viele Fehler eingesehen und geduldiges Warten gelernt, Wut, Zorn und meine Unbeherrschtheit gezähmt und gelernt in meine Pferde hineinzuhorchen und sie ein wenig zu verstehen. Und all diese Erkenntnisse und Einsichten hätte ich ohne die akademische Reitkunst und Bent Branderups unbequeme Fragen nicht erreicht. Für mich ist die akademische Reitkunst mehr als Reiten und Pferde ausbilden – sie schult Körper, Geist und Seele des reitenden Menschen gleichermaßen! Dieser Weg war und ist nicht immer leicht und bequem, doch möchte ich ihn weder aus reiterlicher noch aus menschlicher Sicht missen und habe nie bereut, ihn eingeschlagen zu haben.

Danke, Bent!

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