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Der Begriff vorwärts abwärts kommt in der Literatur über die Pferdeausbildung unzählige male vor – in den unterschiedlichsten Zusammenhängen und in verschiedenen Bedeutungen. Diese Vielfalt führt dazu, dass der Begriff vorwärts abwärts auch sehr oft falsch interpretiert oder im falschen Zusammenhang verwendet wird.

Das Vorwärts Abwärts als Haltung (Dehnungshaltung)

Das Vorwärts Abwärts als Bezeichnung einer Haltung, bei der das Pferd den Kopf vorwärts-abwärts streckt und dabei die Hals- und Rückenmuskulatur dehnt, ist wohl die bekannteste Auslegung dieses Begriffes. Die Vorwärts-Abwärts-Haltung – auch als Dehnungshaltung bezeichnet – wird am Beginn und am Ende der Arbeit mit dem Pferd geritten und bezweckt neben der Dehnung der Muskulatur der Oberlinie auch eine psychische Entspannung des Pferdes. Für eine korrekte Vorwärts-Abwärts-Haltung ist es erforderlich, dass sich die Nase des Pferdes auch wirklich nach vorne bewegt – ein manchmal zu beobachtendes Einrollen nach unten-hinten ist kein Vorwärts-Abwärts und erfüllt auch nicht dessen Zweck. Vielmehr besteht die Gefahr, dass das Nackenband überdehnt wird. Die vorgestreckte, tiefe Haltung des Kopfes bringt es mit sich, dass das Pferd im Halten wie im Gehen dabei mehr Gewicht auf die Vorhand verlagert. Dieser Umstand ist nicht weiter problematisch, wenn die Vorwärts Abwärts-Haltung nur für kurze Zeit und zum Zwecke der Entspannung geritten wird. Beim falsch verstandenen, über längere Zeit gerittenen Vorwärts Abwärts kann die Mehrbelastung der Vorhand jedoch zum Problem werden, weil dabei durch die lang dauernde Überbelastung Schäden entstehen können. Durch lang andauerndes zu tiefes Reiten - eventuell sogar verbunden mit zu viel Schubentwicklung der Hinterbeine nach hinten heraus – riskiert man überlastete Schultern des Pferdes, so wie Sehnenprobleme an den Vorderbeinen und Hufgelenksproblemen.

Das vorwärts abwärts Suchen in der klassischen Reitkunst

In der klassischen Reitkunst stellt das stets vorwärts abwärts die Reiterhand suchende Pferd ein zentrales Element der Ausbildung dar. Wir sprechen davon, dass eine permanente Dehnungbereitschaft an die Hand hin vorhanden sein muss. Ein Ausbildungsziel ist es, dass das Pferd auch in höchster Versammlung und Aufrichtung stets dieses vorwärts abwärts Suchen beibehält. An dieser Stelle kommen sehr oft Missverständnisse auf, weil das vorwärts-abwärts Suchen häufig mit der Vorwärts Abwärts-Haltung verwechselt wird. Ebenfalls sollte diese Dehnungsbereitschaft nicht damit verwechselt werden, dass ein Pferd schwer auf die Hand zieht, oder zwar ein Geben der Hand mit einer Abwärtsbewegung des Halses und Kopfes gutiert, aber trotzdem hinter der Hand bleibt. Es soll zu einer echten Verbindung zum Pferdemaul, zu Zunge und Unterkiefer kommen, die im Idealfall in ihrer Intensität etwa mit dem Gewicht eines leeren Kaffeehäferls vergleichbar ist. Ein so perfektes an die Hand suchen ergibt sich aber nur aus der Entspanntheit der Oberlinie und aus dem dadurch resultierenden weiten Untergriffs der Hinterbeine unter das Reitergewicht hinein, mit der Vermeidung eines weiten Unterstützens der Vorderbeine unter das Reitergewicht.  Freilich wird das Pferd zu Beginn der Ausbildung und zu Beginn und vor dem Ende einer Arbeitseinheit in eher langer und tiefer Haltung gearbeitet. So gestreckt, dass es zu einer Überbelastung der Vorhand kommt, darf die Haltung jedoch auf Dauer nicht sein.

Die lange, gedehnte Oberlinie

Unmittelbar verbunden mit dem vorwärts abwärts Suchen ist immer auch eine lange Oberlinie des Pferdes zu sehen. Eine lange Oberlinie, das heißt ein gewölbter und tragfähiger Pferderücken ist unbedingte Voraussetzung für den Schwung (das ist das elastische Schwingen des Rückens und weites Vorschwingen der Hinterbeine). Die Oberlinie des Pferdes verkürzt sich in dem Augenblick, wenn das Pferd aufhört vorwärts abwärts zu suchen. Hier spürt der Reiter also schon frühzeitig in der Hand, wenn sich eine Verkürzung der Oberlinie und ein Verlust des Schwunges ankündigt.
Ziel der Akademischen Reitkunst ist es, dass mit mehr Versammlung und mehr Hankenbiegung der Schwung nach Vorne (das ist ein weiter Vorgriff der Hinterbeine) nicht verloren geht sondern verbessert wird, und somit die Dehnung der Oberlinie sogar größer wird anstatt weniger. Somit bekommen wir zum Beisiel in einer korrekten Levade eine maximale Dehnung der Oberlinie, wobei sich optisch das Pferd verkürzt hat. Also bedeutet Versammlung auch, einen kürzeren Rahmen bei längerer Dehnung der Oberlinie zu erhalten.

Der Rahmen

Es gilt die einfache Regel: niedriges Tempo – kürzerer Rahmen, hohes Tempo – weiterer Rahmen. Das bedeutet, zum Zulegen im Tempo mit der Hand nachgeben, beim Verlangsamen mit dem Zügel den Rahmen verkürzen – das alles natürlich bei gleichbleibendem Takt, die Tempounterschiede entstehen durch Verlängern und Verkürzen der Tritte. Gerade die Tempounterschiede sind – neben dem Vorgehen mit der Hand - ein guter Prüfstein, ob das Pferd wirklich vorwärts abwärts sucht. Dehnt sich das Pferd beim Zulegen über die Rahmenerweiterung wirklich an den nachgebenden Zügel heran? Oder beschleunigt es mit durchhängendem Zügel? Oder schiebt es an eine gegenhaltende Hand? Verkürzt das Pferd beim Aufnehmen zur Tempoverringerung wirklich seinen Rahmen und nimmt Last mit der Hinterhand auf oder liegt es schwer auf der Hand? Das korrekt vorwärts-abwärts suchend ausgebildete Pferd wir sich stets entsprechend dem von der Reiterhand vorgegebenen Rahmen in kurzer, versammelter oder in gedehnter Haltung ausbalancieren.

Die „Anlehnung“ - das „am Zügel Gehen“

Die korrekte Anlehnung und das „am Zügel Gehen“ ist somit das Resultat das sich aus dem Suchen des Pferdemauls an die Reiterhand hin ergibt. Die korrekte Anlehnung wird nicht durch ein bestimmtes Maß an Zügelspannung definiert, sondern durch das vorwärts abwärts Suchen, das auch bei minimaler Zügelspannung noch gegeben sein kann. Dabei darf die Nasenlinie des Pferdes je nach seinem Körperbau auch vor der Senkrechten sein. Selbstverständlich ist immer zu beachten, dass das Pferd Kontakt zur Reiterhand aufnimmt, und nicht die Reiterhand am Pferdemaul zieht! Ein Ziehen am Pferdemaul würde eine Verkürzung der Oberlinie bewirken und somit das Unterschwingen der Hinterbeine verschlechtern und dadurch wieder das Suchen an die Hand hin blockieren oder gar ganz verhindern. Jegliches Ziehen im Pferdemaul ist deshalb zu unterlassen.

Das Gebiss ist dazu da, das Pferdemaul zu lösen, Rechts- bzw. Linksstellung herzustellen und durch das Gebiss die Zunge und das Unterkiefer des Pferdes zu spüren.

Die Zügel sind lediglich dazu da, die Schultern des Pferdes nach innen oder nach außen zu führen, die Länge des Halses zu definieren und durch die Länge des äußeren Zügels die Biegung des Halses zu definieren!

„Die Dressur ist für das Pferd da und nicht das Pferd für die Dressur!“

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