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Heutzutage wird auch in der Islandpferdeszene mehr und mehr die Bedeutung einer systematischen Ausbildung der Pferde erkannt. Begriffe wie Tragkraft und Versammlung werden häufig erwähnt und viele Reiter suchen beim Training ihrer Pferde nach besseren Methoden und neuen Inspirationen.

 

Von der Klassischen Dressur zur Sportdressur

 

In der Europäischen Geschichte hat die Reiterei eine lange Entwicklung erlebt. Das Pferd wandelte sich von einem einfachen Transportmittel und Reittier in früherer Zeit, in der Renaissance zu einer phänomenalen und äußerst gefürchteten Waffe – kein unberittener Kämpfer konnte in einem Kampf gegen die übermächtigen berittenen Soldaten bestehen. In der Barockzeit war das Pferd ein Symbol der Kunst, der Kraft und der Schönheit. Die klassische Reitschule dieser Zeit schuf ein wahrhaft monumentales Wissen über die anatomisch und physiologisch korrekte Ausbildung des Pferdes – über den Aufbau der Kraft und der Balance im Rücken und in den Hinterbeinen, um sein eigenes Gewicht und das des Reiters in den Schulen über der Erde und den prachtvollen Sprüngen tragen zu können und dabei sein Gemüt sanft und unverdorben zu erhalten. In der Renaissance wurde 1532 von Frederico Grisone in Italien die erste Reitakademie gegründet und es folgten viele weitere in ganz Europa, alle zu dem gleichen Zweck, nämlich das exzellente Wissen über Grundsätze der Pferdeausbildung zu verbreiten. Damit wurde ein neues Tor geöffnet - das Tor zur Reitausbildung wie wir sie kennen. Anstelle immer nur einen Schüler zu unterrichten, konnte ein Meister nun sein Wissen gleich an mehrere Schüler weitergeben. Durch die Reitakademien hat die Klassische Dressur eine weite Verbreitung gefunden und es wurde in dieser Zeit auch eine große Zahl von Reitbüchern geschrieben. Im Klassizismus begannen die Kavallerieschulen mit der Reitausbildung junger Rekruten, anstatt wie bisher mit Berufssoldaten zu arbeiten. Es wurden nun alle Rekruten im Reiten ausgebildet – um Kriegsmaterial zu transportieren und im Kampf überleben zu können. Zu jener Zeit stand jedoch nicht mehr der auf einem hervorragend ausgebildeten Schulpferd kämpfende Reiter im Vordergrund, vielmehr bestand die Aufgabe dieser Rekruten hauptsächlich darin, nicht vom Pferd zu fallen und den Feind niederzureiten. Neben der alten “Schule der Versammlung” der Barockzeit gewann nun durch die Verwendung in der Armee das Vorwärtsreiten vermehrt an Bedeutung. In der Zucht wurde nun mehr Augenmerk auf Pferde mit der Fähigkeit große, raumgreifende Bewegungen auszuführen, gerichtet. Das im Gegensatz zu den “quadratischen” Pferden der Renaissance und des Barock stehende “Langrechteckpferd” war geboren. Die klassischen Prinzipien wurden in der Ausbildung jedoch weiter verfolgt, doch nicht mehr um der Kunst willen, sondern um Gebrauchspferde auszubilden, die leicht auf die feinsten Hilfen reagieren. Viele Reitmeister des 18., 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa Gustav Steinbrecht in Deutschland oder Alexis L´Hotte in Frankreich und viele andere, haben außergewöhnliche Bücher über die Reitausbildung geschrieben. Zwischen den Offizieren der Kavallerie wurden regelmäßig kleine Wettbewerbe ausgetragen, um die am besten ausgebildeten Pferde zu ermitteln. Diese einfachen Wettbewerbe entwickelten sich dann sehr rasch weiter, bis schließlich bei den Olympischen Spielen in Stockholm 1912 das erste Dressurturnier ausgetragen wurde, an dem nur Offiziere teilnahmen. Für diese Bewerbe wurde erstmals festgelegt, welche klassischen Übungen zu zeigen waren, und so wurde es möglich, die dargebotenen Leistungen einfacher und fairer zu beurteilen.

 

Guérinière
Francois Robichon de la Guérinière, einer der größten Meister der Reitkunst in der Geschichte. Hier in einem Kupferstich aus seinem Buch “Ecole de Cavalerie”
 

 

Nach den beiden Weltkriegen wurden die Wettbewerbe immer populärer und es nahmen immer mehr Sportreiter daran teil. Auch der Zweck der Turniere hat sich in dieser Zeit gewandelt. Waren es früher die Offiziere, die ihre nach klassischen Regeln – deren Ziel es ist, die Pferde gesund und kräftig zu erhalten - ausgebildeten Gebrauchspferde vorgestellt hatten,  so trainierten die Sportreiter mit ihren Pferden nun vorwiegend die Lektionen, die in den Dressurprüfungen verlangt wurden. Das Training verlor den ursprünglichen Sinn und die Dressurreiterei wurde zum reinen Selbstzweck, wobei es eine untergeordnete Rolle spielt, wie die erforderlichen Bewegungsabläufe dem Pferd gelehrt werden. Ein Beispiel hierfür ist das Schenkelweichen. Beim Schenkelweichen fußt das jeweilige Hinterbein am Schwerpunkt hinten vorbei und schiebt den Pferdekörper seitwärts. In der klassischen Dressur möchte man die Hinterbeine jedoch immer zum Schwerpunkt hin arbeiten, um die Tragkraft zu schulen. In diesem Fall wäre es also sinnvoller dem Pferd Schulterherein anstelle des Schenkelweichens beizubringen. Wenn wir heute von “Dressur” sprechen, meinen wir damit meistens “Sport-Dressur” und diese wird heute vielfach als der korrekte Weg empfunden, ein Pferd auszubilden und zu reiten. Es ist in Vergessenheit geraten, dass diese Art zu reiten sehr jung ist, wir werden oft geblendet von einer regelrechten “Sportindustrie” und denken nicht mehr an den ursprünglichen Zweck der Dressur in der Vergangenheit. Doch wenden einige Reiter – oft unbewusst – noch immer die klassischen Grundsätze an, die letztendlich der Sport-Dressur und den heutigen Trainingsmethoden aufgrund der historischen Entwicklung zugrunde liegen.

 

Die Historie des Reitens in Island

 

In Island spielte das Pferd eine sehr wichtige Rolle für das Überleben der Bevölkerung. Für aberhunderte von Jahren diente das Pferd dem Menschen als Freund und Arbeiter, um Lasten und Menschenzu transportieren und schließlich auch als Nahrungsmittel. Diese Rolle blieb für lange Zeit unverändert und auch heute noch ist das Pferd aus der täglichen Arbeit der Bauern nicht wegzudenken. Allerdings war Island aufgrund seiner geographischen Lage lange Zeit mehr oder weniger isoliert, und die neuen Errungenschaften der Reitkunst am europäischen Festland erreichten Island erst sehr spät.
Die Rolle des Pferdes im Turniersport ist in Island relativ jung, erst vor etwa 30 Jahren wurde das Reiten in Island ein richtiger Sport. Dadurch gewann das Pferd auch hier eine völlig neue Bedeutung. Man begann nun auch andere Pferde zu züchten, mit phantastischen Gängen und hoher Beinaktion und all den Eigenschaften, die man sich von einem Sportpferd erwartet. Das Training gewann immer mehr an Bedeutung, und bald war der “Pferdetrainer” geboren. Weil die Entwicklung des Pferdes vom Arbeitstier zum Sportpferd so rasch erfolgte, fehlte hier das Wissen über das physisch korrekte Training, das im übrigen Europa über hunderte von Jahren erarbeitet wurde. Die Entwicklung des Reitens in Island war eher eine Explosion und nicht eine Entwicklung, die langsam Schritt für Schritt erfolgte.
Heute hat die Zucht ihren Höhepunkt erreicht, doch hat die rasche Entwicklung auch ihre negativen Seiten. Die Bauern treiben einen hohen Aufwand um Pferde in außergewöhnlicher Qualität zu züchten, welche dann in sehr kurzer Zeit auftrainiert werden um ihre Klasse zu zeigen. Dadurch entsteht ein enormer Druck, weil die Pferde immer jünger vorgestellt werden, um ihre Qualität zu überprüfen. Das Training muss das völlig rohen Pferd sehr rasch zu klaren und ausdrucksvollen Gängen – vom versammelten bis zum starken Tempo – bringen.
Es wird heutzutage stillschweigend voraussetzt, dass sich alle Zuchtpferde für dieses rasche Training eignen und dieses rasche Training wird als “normal” angesehen. Bei uns am europäischen Festland werden die Jungpferde gewöhnlich einem Trainer überlassen, und es wird erwartet, dass sie nach drei Monaten an den Reiter gewöhnt sind, diesen ausbalanciert in den drei Grundgängen tragen können und natürlich auch eingetöltet sind. Was nicht bedacht wird ist der Umstand, dass dieses übereilte Training häufig physische oder psychische Schäden beim Pferd hinterlässt. Viele junge Islandpferde haben Probleme mit ihrem Rücken, ihren Beinen und Gelenken und so manches Pferd leidet an dem durch das Reiten verursachten Stress. In wenigen Monaten kann kein Pferd korrekt fertig ausgebildet werden, da kein Muskel in dieser Zeit die nötige Kraft entwickeln kann.
Erst in den letzten Jahren begann sich die Islandpferdeszene nach neuen Inspirationen zur Verbesserung des Pferdetrainings und des Reitens umzusehen. Das Training der Islandpferde wurde in den letzten Jahren dank innovativer Reiter aus Island und dem übrigen Europa deutlich verbessert und erst jetzt erreicht die Jahrhunderte alte Reitkultur Europas langsam die Islandpferdeszene – in Island aber auch am Kontinent. Eine Reihe von Turnierreitern der nationalen Equipen von Deutschland, Dänemark und Schweden sind von der klassischen Dressurszene beeinflusst. Viele von ihnen trainieren ihre Pferde nach klassischen Idealen um sie zu kräftigen, sie geschmeidig zu machen und sie mehr zu versammeln. Auf Island haben Eyolfur Isolfsson und Atli Gudmundsson Kurse mit Bent Branderup arrangiert, um das klassische Gedankengut den Top-Trainern in Island näher zu bringen.

 

Durch richtiges Training gesunde und kräftige Pferde

 

Die klassische Schule wird oft als “Versammlungsschule” bezeichnet - die Schulung der Hinterhand des Pferdes um sein eigenes Gewicht und das Gewicht des Reiters tragen zu können. Durch diese Arbeit erhalten wir ein gesundes und kräftiges Pferd. Wenn wir unser Pferd versammeln können, dann erreichen wir mit Hilfe der von Natur aus vorhandenen Schubkraft eine Erweiterung der Gänge. Das klassische Training dient dazu, den Körper des Pferdes in physiologisch korrekter Weise aufzubauen. Man kann sich daher auch vorstellen, durch entsprechendes Training Pferden mit körperlichen Schwächen oder Problemen zu Gesundheit, Ausgeglichenheit, Ausdruckskraft und Schönheit zu verhelfen. Das klassische Training kräftigt das Pferd in der Oberlinie und in den Hanken und ermöglicht es ihm, den Reiter zu tragen, ohne dabei Schaden zu nehmen. Dabei ist nicht der eigentliche Sinn, dem Pferd die Piaffe zu lehren, sondern dass jedermann sein Pferd nach klassischen Grundsätzen in einer physisch und psychisch schonenden Weise ausbildet, dass es schließlich von Kraft, Stolz und Freude erfüllt ist.
Kein Pferd ist von Natur aus dazu geschaffen, einen Reiter zu tragen. Der Körper ist so gebaut, dass das Gewicht auf vier Beine verteilt wird, wobei die Vorderbeine wegen des vorne überragenden Halses mehr Gewicht aufnehmen müssen. Die Hinterbeine dienen der Beschleunigung und schieben den Körper vorwärts. Sitzt nun ein Reiter auf dem Pferd, werden die Vorderbeine noch mehr belastet. Weil die Vorderbeine, im Gegensatz zu den Hinterbeinen gerade sind, werden hier Sehnen, Bänder und Gelenke eher durch eine Überbelastung geschädigt. Auch der Rücken ist nicht dazu gebaut, das zusätzliche Gewicht des Reiters zu tragen, denn die Wirbelsäule ist sehr empfindlich und hat außer der Muskulatur keine Unterstützung. Deshalb kann das Pferd ausschließlich mit untergesetzter Hinterhand und aufgewölbtem Rücken das Gewicht des Reiters in physisch korrekter Weise tragen. Das ist genau das Gegenteil von dem, wie ein Pferd sich von Natur aus bewegt und gebaut ist. Folglich dauert die Neuformung des Pferdekörpers durch das Training auch eine längere Zeit.

 

 

 

Die Stufen der Klassischen Dressur in der Ausbildung des Islandpferdes

 

 

 

Stufen

 

Die Stufen: Vorwärts-abwärts, biegen, Seitengänge, Vorwärts-aufwärts und Versammlung

 

 

 

Stufe 1 - Vorwärts-abwärts dehnen

 

Vorwärts-Abwärts

 

Die in der hier gezeigten Leiter beschriebenen Schritte in der Ausbildung des Pferdes sind nur Eckpfeiler auf dem Ausbildungsweg. Man darf nicht vergessen, das die vielen kleinen Schritte dazwischen genau so wichtig sind und nicht vernachlässigt werden dürfen.
Der erste Schritt eines korrekten Pferdetrainings ist es, dem Pferd das Dehnen der Oberlinie in einer Vorwärts-abwärts-Position zu lehren. Damit werden die von Natur aus kurzen Muskeln der Oberlinie gedehnt und Wirbelsäule und Bauch angehoben. Durch diese Arbeit bauen wir gleichzeitig die Rücken- und die Bauchmuskulatur auf. In dieser Position lehren wir dem Pferd auch, durch Strecken von Hals und Kopf die Reiterhand zu suchen und feinen Kontakt zum Gebiss zu nehmen. Das bezeichnen wir als “Anlehnung”. Der Reiter sollte sich um einen weichen Kontakt - gleich dem Gewicht einer Feder - bemühen, ihn aber immer aufrecht erhalten. Das Pferd muss dabei immer neugierig bleiben und den Kontakt stets von neuem suchen, als Beweis dafür, dass es eine gegenseitige Konversation möchte - als ob es fragen würde: “Was kann ich für dich tun?”. Jetzt ist es Aufgabe des Reiters mit weicher Hand zu antworten: “Danke für dein Entgegenkommen!”. Bei der Ausbildung eines Pferdes dürfen keine groben Hand- oder Schenkeleinwirkungen und andere Unhöflichkeiten zugelassen werden. Der Umgang und die Konversation mit dem Pferd hat in einer höflichen, bescheidenen und respektvollen Form zu erfolgen.

 

Im zweiten Schritt bringen wir durch Biegung der Wirbelsäule die innere Hüfte und die innere Schulter näher zueinander. Die Muskeln an der Innenseite des Pferdekörpers werden dabei kontrahiert (gekräftigt) und die an der Außenseite gedehnt. Durch das Biegen nach beiden Seiten werden die Muskeln gekräftigt und bleiben dabei lang und geschmeidig. Wegen der Position von innerer Hüfte und Hinterbein ist es für das Pferd naheliegender, mit dem inneren Hinterbein nach vorne unter den Schwerpunkt zu treten, als nach hinten zu schieben. Auf diese Weise lernt das Pferd durch die Biegung, das Gewicht mit dem inneren Hinterbein zu tragen.

Das durch das Biegen des Pferdes auf Volten und Schlangenlinien wird es nicht nur biegsam und geschmeidig, sondern lernt auch sich auszubalancieren und auf die Hilfen des Reiters richtig zu reagieren. Wir können das Pferd auch beim Reiten auf geraden Linien biegen und damit das “Schultervor” vorbereiten. Während der gesamten Arbeit sollten wir stets versuchen, das Pferd mit entspanntem Maul und gelöstem Unterkiefer den Kontakt zum Gebiss suchen zu lassen. Aus dem Reiten korrekter Biegungen können in der Folge die Seitengänge entwickelt werden.

 

Schulterherein

 

Stufe 2 - Das Schulterherein

 

Im Schulterherein lernt das Pferd mit dem inneren Hinterbein unter den Schwerpunkt zu treten und mehr Last aufzunehmen. Auf dem ersten Foto, das Odin im Schulterherein links zeigt, ist deutlich zu erkennen, wie das innere Hinterbein unter den Schwerpunkt tritt.

 

 

 

 

 

 

 

Kruppeherein

 

Stufe 3 - Das Kruppeherein

 

Im Kruppeherein - auch als Travers bezeichnet -, im Renvers und in der Traversale hingegen, lernt das Pferd mit dem äußeren Hinterbein unter den Schwerpunkt zu treten und mehr Last aufzunehmen. Auf dem Foto von Odin kann man das deutlich erkennen. In den Schulen des Schulterherein und des Kruppeherein, muss das Pferd die Gelenke des jeweils tragenden Hinterbeines vermehrt biegen und es schwingt weiter unter den Schwerpunkt herein. Das bedeutet, dass es mehr Last aufnimmt als zuvor und dadurch stärker trainiert wird.

 

 

 

Stufe 4 - Das Vorwärts-Aufwärts

 

Vorwärts-Aufwärts

 

Mit dem Training der Hinterhand unter Beibehaltung der langen Oberlinie durch die Vorwärts-abwärts-Arbeitund dem vorsichtigen, langsamen Aufnehmen– immer nur so viel, wie die Hinterhand tragen kann – verändert das Pferd die Balance mehr und mehr von der Vor- auf die Hinterhand. Dies bedeutet, dass auf die beginnende Arbeit im Vorwärts-abwärts mit zunehmender Balance und Versammlungsfähigkeit des Pferdes, die Arbeit im Vorwärts-aufwärts beginnt.
Sobald beide Hinterbeine kräftig genug sind, das Pferd in den Seitengängen in Schritt und Trab zu tragen, kann mit Übungen begonnen werden, in denen beide Hinterbeine verstärkt Last aufnehmen müssen, wie das Rückwärtsrichten, die halben Tritte (bis hin zur Piaffe) oder Übergänge. So zum Beispiel beim Rückwärtsrichten, das dem Pferd nicht das Rückwärtsgehen lehren soll, sondern das vermehrte Belasten der Hinterbeine und das Beugen der Gelenke. Das Rückwärtsrichten sollte mit abgesenkter Hinterhand und in diagonaler Fußfolge erfolgen und zählt zu den versammelnden Übungen.

 

 

 

Stufe 5 - Die Versammlung

 

Versammlung

 

Durch die so erarbeitete Absenkung der Hinterhand fängt das Pferd an sich vorne aufzurichten und sein Gleichgewicht mehr in Richtung Hinterhand zu verlagern und zwar unter steter Beibehaltung der langen Oberlinie. Wenn das Pferd richtig vorbereitet wurde, wird dabei der Rücken, auch bei einem nach und nach höher getragenen Kopf aufgewölbt bleiben. Grundsätzlich ist das Erscheinungsbild von Piaffe und versammeltem Tölt sehr ähnlich. In beiden Übungen sollte sich das Pferd versammelt, mit aufgewölbtem Rücken und untergesetzter Hinterhand präsentieren. Der Unterschied liegt nur in Takt und Fußfolge: in der Piaffe Zweitakt mit diagonaler Fußfolge, im Tölt Viertakt mit der Fußfolge des Schrittes. Wenn wir unser Pferd zur Versammlung gebracht haben und es stark genug ist, sein Gewicht und das des Reiters mit aufgewölbtem Rücken auf der Hinterhand zu tragen, dann liegt es in unserem Ermessen, welche Begabungen wir weiter fördern wollen. Das Pferd ist in diesem Stadium nun gut vorbereitet um entweder in der Piaffe weiter versammelt zu werden oder mit dem Tölttraining zu beginnen. Wenn sich das Pferd versammeln lässt, sollte es uns prinzipiell möglich sein, das Pferd zum Antreten im Zweitakt zu bitten, und es kommt die Piaffe, im Viertakt versammelter Tölt und im Dreitakt versammelter Galopp. Trotzdem darf man das ”Vorwärtsreiten” nicht vergessen. Nicht nur die ”tragenden”, auch die ”schiebenden” Muskeln müssen trainiert werden.
Nur durch Reiten von vielen Übergängen in allen Gangarten und Tempi wird das Pferd ein perfektes Gleichgewicht erreichen und seine Fähigkeiten voll entfalten können. Gustav Steinbrecht prägte den berühmten Lehrsatz: ”Reite dein Pferd vorwärts und richte es Gerade”. Alois Podhajsky, ehemaliger erster Oberbereiter der Spanischen Hofreitschule in Wien, hat diesen Satz sogar noch in seiner Bedeutung erweitert, in dem er sagte: ”Nur wenn dein Pferd genug Vorwärtsgeritten ist, wirst du es Geraderichten können.”

 

 

 

Stufe 6 - Der Tölt

 

Tölt

 

Tölt-Training nach klassischen Grundsätzen

 

Wenn wir die Grundsätze klassischen Trainings verstanden haben, wissen wir, dass die Hinterbeine eines Pferdes, das zu früh zu einer hohen Aufrichtung von Kopf und Hals veranlasst würde, das erforderliche Gewicht nicht tragen könnten und die Muskeln der Oberlinie zu schwach wären, den Rücken hoch und aufgewölbt zu tragen. Das würde dazu führen, dass das Pferd den Rücken durchhängen ließe, die Hinterbeine mehr schieben als tragen und dass das Gewicht von Pferd und Reiter auf die Vorhand fallen würde. Wenn die vorangehende Dressurarbeit mit Geduld und der nötigen Zeit durchgeführt wurde, wird man sich gewöhnlich mit keinerlei Taktproblemen, wie Rollen und dergleichen konfrontiert sehen. Diese Probleme treten immer nur dann auf, wenn die Pferde nicht ausreichend seitlich gedehnt wurden, oder in der Hinterhand nicht kräftig genug sind.
Wenn wir im Training Probleme bekommen, sind die Seitengänge ideale Übungen, um die Hinterbeine einzeln zu trainieren, die inneren Muskelgruppen zu trainieren und die Muskeln an der Außenseite maximal zu dehnen– so kann der Reiter ganz gezielt an den Schwachstellen seines Pferdes arbeiten und die Muskeln seines Pferd systematisch aufbauen. Wir sollten nicht versuchen, die Probleme im Tölt zu korrigieren, sondern statt dessen eine Stufe zurückgehen und erst einmal nachdenken, womit das Pferd Probleme hat, und wie sie am besten zu korrigieren sind.
Bei den Islandpferden haben gerade die Naturtölter von Natur aus eine kürzere Oberlinie. Obwohl uns diese Pferde oft das Gefühl geben, gut ausbalanciert zu sein, ist es sehr wichtig, dass sie im Training dazu gebracht werden, ihre Oberlinie zu verlängern und ihren Rücken zu heben. Wenn sich der Reiter mit seinem Gewicht auf die ohnedies schon kurze Oberlinie setzt, werden sich die Rückenmuskeln noch mehr zusammenziehen und die Oberlinie wird sich noch mehr verkürzen – was dann dazu führt, dass der Reiter auf einem durchhängenden Rücken sitzt und schließlich Schäden an Rücken und Wirbelsäule des Pferdes verursachen kann. Wenn der Rücken des Pferdes durchhängt, führt das dazu, dass das Pferd die Hinterbeine nach hinten herausstellt, die dann seinen Körper mit kurzen schnellen Tritten vorwärts schieben. In diesen Fall wurden dann die Hinterbeine den Vorderbeinen die ganze Last zuschieben, anstatt sie zu tragen.
Das Islandpferd hat von Natur aus die Möglichkeit, seine Beine in vielen unterschiedlichen Gängen zu bewegen, doch es sind letztendlich immer dieselben Muskeln, die dieselben Knochen bewegen, und es sind folglich auch immer dieselben Muskeln, die trainiert werden müssen, um den Reiter richtig tragen zu können.
Reiten ist wie ein Puzzle – jedes Einzelteil muß in der richtigen Reihenfolge und zur rechten Zeit hinzugefügt werden, und das nächste Teil wird dann perfekt dazu passen. Mit viel Geduld werden wir schließlich sehen, wie ein schönes Bild nach und nach Gestalt annimmt. Wie wir dieses Puzzle legen, liegt ganz in unserer Verantwortung, ebenso wie die Art der Kommunikation, die wir mit unserem Pferd führen. Und schließlich liegt es auch an uns, für all das Schöne, daß das Pferd unserem Leben gibt, ihm den gebührenden Respekt, Demut und Wertschätzung entgegenzubringen.

 

krk Sara Silfverberg

 

http://www.klassiskdressyr.com

 

 

 

Hier noch einige Links zum Thema

 

Cadre Noir, Samur: www.cadrenoir.fr
Die Spanische Hofreitschule, Wien: www.spanische-reitschule.com
Real Escuela Andaluza del Arte Equestre, Jerez: www.realescuela.org

 

 

Einige Beispiele interessanter Bücher zu diesem Thema

Bent Branderup: Akademische Reitkunst, Reiten auf Kandare, Renaissance Reiten nach A Pluvinel, Barockes Reiten nach F.R. de la Guérinière
Alois Podhajsky: Die Klassische Reitkunst, Meine Lehrmeister die Pferde
Gustav Steinbrecht: Das Gymnasium des Pferdes
Nuno Oliveira: Klassische Grundsätze der Kunst Pferde auszubilden
James Fillis: Grundsätze der Dressur
Waldemar Seunig: Von der Koppel bis zur Kapriole
Francois Baucher: Methode der Reitkunst
F.R. de la Guérinière: Ecole de Cavalerie - School of Horsemanship

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