
Dein Pferd ist dein Spiegel . . .
Dieser Spruch von Rudolf G. Binding war für mich anfangs nicht mehr als ein wunderschöner, poetischer Teil seines Werkes ?Reitvorschrift für eine Geliebte?. Erst durch Nattdis erkannte ich wie viel Wahrheit dieser Spruch enthält. Heute ist er Teil meiner Reitphilosophie.
Als ich Nattdis 1998 achtjährig kaufte, brachte sie viele, bereits bestehende Altlasten aus ihrem bisherigen Leben in unsere Beziehung mit: sie fürchtete den Menschen, war ständig auf der Flucht und neigte zu Panikattacken. Um sie sicher reiten zu können, musste ich mich viel mit ihrem Denken, mit Pferdepsychologie, beschäftigen. Mein Ziel war es, ihre Leitstute zu werden, indem ich das tat, was Leitstuten tun: ich kümmerte mich um ihr psychisches und physisches Wohlergehen. Ich lotste sie ruhig durch furchteinflößende Situationen, wo sie vorschlug, zu fliehen, achtete darauf, sie reiterlich weder zu unter- noch zu überfordern (sie arbeitet sehr gern), wich bei Klinikaufenthalten nicht von ihrer Seite und versuchte, ihr ansonsten ein möglichst pferdegerechtes Leben zu ermöglichen. Als Dank erhielt ich absolutes Vertrauen in meine Anweisungen. Was ich nicht bedachte: Nattdis lernte mich dadurch genauso gut kennen wie ich sie und sie begann mich zu spiegeln. So wie eben Rudolf G. Binding schon schrieb:
?Das Pferd ist dein Spiegel. Es schmeichelt dir nie.
Es spiegelt sein Temperament. Es spiegelt auch seine Schwankungen.
Ärgere dich nie über dein Pferd;
Du könntest dich ebenso über deinen Spiegel ärgern.?
Es war mir zum damaligen Zeitpunkt nur nicht bewusst. Wie oft saß ich mürrisch, wütend auf die ?blöde Zicke? schimpfend am Pferd, focht Kämpfe mit ihr aus, wo es nichts zu kämpfen gab, ließ mich zu Zornausbrüchen hinreißen, besonders wenn sie unter einem anderen Reiter wie ausgewechselt war. Es dauerte recht lange bis ich ehrlich genug zu mir war, zuzugeben, den Fehler bei und in mir zu suchen. Und es war und ist harte Arbeit, Konsequenzen zu ziehen und aktiv an sich, an seiner eigenen Persönlichkeit arbeiten zu beginnen. Anfangs war es Geduld und Beherrschung, was Nattdis mich lehrte. So wie Binding eben sagte:
?Reiten wird dann erst eine wahre Freude,
wenn du durch eine lange Schule der Geduld,
der Feinfühligkeit und der Energie gegangen bist,
die das Pferd dir erteilt.?
Und auch unsere Art des Reitens wurde anders, besser, harmonischer. Doch man lernt nie aus - und es ist nicht lange her, dass mein braves Pony wieder mal ?ausgezuckt? ist. Schlimmer als zu unseren Anfangszeiten: sie ließ sich nicht halftern ohne zu steigen und sie nach hinten zu überschlagen, sich nicht ihre Ekzemdecke an- oder ausziehen, nicht den Kappzaum anlegen und nach dem Satteln bockte sie wie ein Rodeopferd samt Zaumzeug durch den Paddock. An Reiten war nicht zu denken. Beherrschung und Geduld hatte ich inzwischen gelernt und verinnerlicht, doch diese Lektion war neu. Nattdis zwang mich hinzuschauen. Tiefer - in den Spiegel meiner Seele. Und was ich sah, war erschreckend: Stress, Schuldbewußtsein, Zerrissenheit und Aggression. Ungebetende Besucher hatten mich von anstehenden Arbeiten abgehalten, wodurch ich zuwenig Zeit für meine Pferde hatte. Es ärgerte mich, doch die Wut konnte ich, aus Höflichkeitsgründen nicht an den Besuchern auslassen und an den Pferden sowieso nicht. Doch sie staute sich. Und um mein Schuldbewußtsein zu dämpfen, nahm ich mir ?kurz Zeit?, um ?schnell was zu machen? und war dabei unkonzentriert und freudlos, da ich nun ja wieder die zu verrichtende Arbeit vernachlässigte. Äußerlich war ich zwar ruhig, höflich und geduldig, aber innerlich sah?s schlimm aus und eigentlich wollte ich am liebsten davonrennen und schreien:?Laßt mich endlich in Ruhe!?. Ich hatte nicht den Mut dazu ? Nattdis schon. Sie merkte, meine Zerfahrenheit, meine Unkonzentriertheit, meinen flachen gepressten Atem bedingt durch den Druck auf der Brust (und die Wut im Bauch). Nattdis zwang mich, diesen Müll anzuschauen und aufzuarbeiten ? selbstkritisch, ehrlich, ohne Ausflüchte zu suchen. Sobald dies geschehen war, war sie wieder die alte. Auch Bent Branderup lehrt uns, dass der Fehler meist im Sattel sitzt, doch er kann, wie in meinem Fall, im daneben stehen.
Für mich ist Reiten deshalb schon lange mehr als am Pferd zu sitzen und Gangarten zu reiten. Reiten und die Beschäftigung mit dem Partner Pferd ist viel mehr. Es ist eine enorme Schulung von Geist und Seele und das Reiten, für mich, ein angenehmer Nebeneffekt. Werden nicht alle drei Ebenen geschult, kann es, so meine Meinung, nicht zu wirklich tiefgreifenden Fortschritten kommen. Auch hier findet Binding Worte, die so treffend sind:
?Du mußt eins werden mit dem Pferde.
Wenn es sich auf seinem Rücken trägt,
darfst du nicht von ihm getrennt werden können:
weder für das Auge
noch in seinen oder in deinen eigenen Gedanken.
Es wird dir nicht gehören, du gehörest ihm.?
Nattdis und ich leben seit 1998 zusammen und ich schätze ihr sensibles Wesen, das zwischen Genie und Wahnsinn beheimatet ist. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass auch sie in mir lesen kann, wie in einem offenen Buch. Binding hat das lange vor mir bemerkt, dass:
?Dein Pferd weiß um dich:
Es weiß, ob du gut geschlafen zur Nacht,
ob du zerstreut oder gesammelt,
ob du fröhlich oder traurig,
ob du vertrauend oder in Zweifeln,
ob du ans Reiten denkst oder ans Frühstück.?
Dank Nattdis habe ich viele positive Entwicklungen meiner Persönlichkeit erfahren, die mir abseits von Pferd und Reiten weiter geholfen haben. Teilweise waren sie so tiefgreifend, dass auch das menschliche Umfeld diese positive Entwicklung bemerkte. Nattdis Lektionen sind, wie jeder Unterricht nicht immer lustig, aber er ist Teil unseres gemeinsamen Weges und deshalb werde ich Binding?s Rat befolgen, der besagt:
?Horche in dein Pferd hinein wie in ein kostbares Instrument:
wie Elly Ney in ihren Flügel, wie Busch in seine Geige,
wie Barjansky in sein Cello.
Das wird dich seltsame Dinge lehren,
von denen keine Reitschule,
kein Reitlehrer weiß.?
DANKE Nattdis!
Literatur
[1] Rudolf G. Binding, Reitvorschrift für eine Geliebte, Rudolf Schneider Verlag München, 1974
J.T.
mailto:judith.totter<at>klassisch-reiten.at
